Hoffnung


Da saß Elora nun.
Diese weite Reise hatte sie nur gemacht, um IHN zu sehen. Hunderte Kilometer war sie gefahren, um einmal ihrem Traum Aug in Aug gegenüberstehen zu können. Als sie im Forum erfuhr, dass ER in diese Stadt kommen würde um eine Ausstellung zu eröffnen, da musste sie nicht lange nachdenken. Sie ließ sich in der Arbeit krank melden, packte ihre Sachen und fuhr los. Die Proteste ihres Freundes überhörte sie. Als er ihr eröffnete, dass er sie doch liebe und nicht zusehen könnte, dass sie wegen eines anderen Mannes Hals über Kopf davonstürmte, strich sie ihm nur über die Wange und lächelte. Er konnte sie nicht verstehen. Und er würde sie niemals verstehen. Sie konnte es ihm auch nicht mit Worten erklären. ER war nun zum Greifen nahe, der Traum ihrer schlaflosen Nächte, derjenige, mit dem sie sich für ewig verbunden fühlte. Das konnte ein normaler Durchschnittsmann eben nicht verstehen, auch wenn er vielleicht der Partner für´s Leben wäre. Doch ER ist ein Kind der Götter, ein Wesen, dass man nicht einfach begreifen kann. ER ist mehr Licht als Mensch, von Feenstaub erschaffen und in diese Zeit gesetzt, um Hoffnung und Poesie unter den Menschen zu erhalten.
Diese Erkenntnis wohnte Eloras Herz inne. Und deswegen musste sie zu dieser Ausstellung fahren, musste IHN sehen.
Es war ihr egal, dass sie die Sprache des Landes nicht verstand, mit ihren Englischkenntnissen würde sie sich schon durchschlagen, da war sie sicher.
Es kümmerte sie nicht, dass sie im Internet keine Eintrittskarte für die Ausstellungseröffnung mehr ergattern konnte, sie vertraute darauf, dass es Bestimmung sei, IHM zu begegnen. Irgendwie würde sie schon hineinkommen. Sonst würde sie am Eingang auf ihn warten.
Es berührte sie nicht, dass sie nicht wusste, wo sie übernachten sollte, dass sie nicht einmal genug Geld mithatte, um eine Jugendherberge zu bezahlen.
Was zählte, war ihr Märchenprinz, der sie antrieb und die Hoffnung in ihrem Herzen nicht versiegen ließ.

Als sie in die Stadt kam, erkannte sie, dass hier viel weniger Menschen Englisch konnten, als sie gedacht hatte. Mit Müh und Not und viel Körpereinsatz fragte sie sich durch zu einem Informationsbüro für Touristen, wo sie einen Stadtplan ergatterte. Das Mädchen dort wusste zum Glück auch, wo die Ausstellung stattfand und erklärte Elora den Weg. Doch Eintrittskarten bekam sie keine mehr, die waren seit Wochen ausverkauft.
Elora aß ihre letzten Müsliriegelreste und machte sich auf den Weg. Unterwegs schlüpfte sie in eine öffentliche Toilette, um sich noch ein wenig zurechtzumachen und sich umzuziehen.
Bald schon hatte sie das genannte Haus gefunden und stand nun davor.
Es war ein altes Haus, hoch gebaut, die Fassaden mit Fresken verziert. Das Mädchen im Informationsbüro hatte ihr erklärt, dass es das „Haus der Künste“ dieser Stadt sei, in dem sehr oft Ausstellungen berühmter Künstler abgehalten wurden. Elora betrachtete das Gebäude. Sie war beeindruckt von der Schönheit und Ausdrucksstärke dieses Bauwerk. Doch noch mehr beeindruckte sie, dass ER in diesem Gebäude war. Sie holte noch einmal tief Luft und schritt die breiten Stufen zum Eingang empor. Sie öffnete die Tür – und wurde von einem Hünen von einem Mann aufgehalten. In einer fremden Sprache, von der sie kein Wort verstand, sprach er sie an. Sie antwortete auf Englisch. Zum Glück war ihm diese Sprache geläufig und er erklärte Elora, dass sie nicht hineinkönnte, da eine geschlossene Veranstaltung stattfinden würde, für die es keine Kartenmehr gab. Elora erklärte dem Türsteher, dass sie sehr weit gefahren sei, nur um hier dabei zu sein. Und dass es auf eine Person mehr oder weniger wirklich nicht ankommen würde. Sie wäre bereit, den doppelten Eintrittspreis zu zahlen.
Doch der Riese blieb eisern.
So schnell wollte Elora natürlich nicht aufgeben. Sie schritt hocherhobenen Hauptes die Stufen hinab und bog dann links um die nächste Ecke. Langsam ging sie um das „Haus der Künste“ und entdeckte einen zweiten Eingang, der wohl für das Personal gedacht war. Mit neuer Hoffnung im Herzen ging sie auf die Türe zu, drückte die Klinke – aber die Türe war versperrt. Elora ging weiter um das Gebäude, entdeckte aber keine weitere Möglichkeit, in das Haus zu kommen. Die Fenster waren in unerreichbarer Höhe, und im Erdgeschoß stand auch keines offen.
Elora setzte sich auf die Stufen vor dem Bauwerk, dass den Sinn ihres Lebens, den Grund ihres Wahnsinns in sich trug. Und Enttäuschung machte sich in ihr breit.
Aber sie liebte IHN viel zu sehr, um sich so schnell entmutigen lassen. Wenn ER, der Sonnenschein ihrer verregneten Tage, im Haus war, musste ER doch auch irgendwann auch herauskommen. Und auf diesen Zeitpunkt wollte sie warten. Sie holte ihre Flasche mit Mate aus dem Rucksack und machte sich geduldig ans Warten.
Da saß Elora nun. Inzwischen waren Stunden vergangen, in denen sie ihren Gedanken nachhing und sich ihren Träumen hingab. Als es begann, dunkel zu werden, bemerkte sie, dass sich der Platz vor ihr langsam mit Leuten füllte. Anscheinend wussten diese Menschen, wann ER herauskommen würde und wollten IHN sehen. Elora war nun froh, quasi in der ersten Reihe zu sein, hier ganz oben auf der Treppe. Leise musste sie kichern. Ihr Warten würde sich lohnen, sie würde ihren Traum erleben, ihn sehen, ihn hören, vielleicht sogar berühren! Nein, nicht nur vielleicht, sie war hier direkt an der Tür, sie würde IHN ganz sicher berühren können! Das Gedränge auf dem Platz wurde immer dichter. Elora wurde unruhig. Anscheinend würde es bald soweit sein. Immer mehr Menschen, vor allem Mädchen, drängten die Stiege herauf.
Doch noch etwas beunruhigte sie zunehmend: Der Liter Mate, den sie hier im Warten getrunken hatte, forderte immer stärker einen Ausgang! Und das mit einer solchen Heftigkeit, dass Elora der Unterleib schmerzte. Doch sie wusste, sie musste sich nun beherrschen. Sie musste Opfer bringen für die Erfüllung ihrer Träume.
Aber nach weiteren zehn Minuten des Wartens und des Drängelns musste Elora sich eingestehen, dass sie einen Kompromiss mit sich selbst schließen musste. Entweder sie stand in erster Reihe und ganz nah an der Verkörperung ihrer Sehnsüchte, dafür aber mit nassen und stinkenden Hosen, oder sie rannte schnell auf ein WC, würde sich die Peinlichkeit ersparen, konnte IHN jedoch nur von Weitem sehen, denn in diesem Gedränge würde sie keinen Platz in der „ersten Reihe“ mehr erringen können.
Ihr wurde heiß und kalt, der kalte Schweiß tropfte aus ihren Poren, es half nichts, sie musste sich befreien. Mit großer Mühe schob sie sich durch die Massen, die sich inzwischen um sie angesammelt haben. Manchmal dachte sie schon, es sei alles zu spät, wenn ihr in dem Gedränge jemand auf die Blase drückte. Doch sie schaffte es und rannte zum nächsten Restaurant. Dort musste sie zuerst mit dem Kellner verhandeln, zu ihrem Glück konnte er ein wenig Englisch, denn eigentlich waren die Toiletten nur für die Gäste gedacht. Aber als er sah, in welchem Zustand Elora war, erbarmte er sich und ließ sie das WC benutzen.
Elora machte so schnell sie konnte, dennoch dauerte es eine Weile, bis sie wieder vor dem Restaurant stand.
Und was sie da sah, trieb ihr Tränen in die Augen.
Ein Auto, offensichtlich ein Taxi, fuhr unter begleitendem Gejohle vom „Haus der Künste“ weg. Sie wusste, was das bedeutete: Die weite Reise, der sie ihre Beziehung, ihr Gespartes , vielleicht ihren Arbeitsplatz und ihre Vernunft geopfert hatte, war umsonst gewesen.
Sie ließ die Schultern sinken und starrte vor sich hin. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, dass sie nicht einmal den Zipfel SEINES Hemdes hatte sehen können. Wo sie dafür doch so viel auf sich genommen hatte!
Tausende Gedanken schwirrten durch ihren Kopf und hinterließen doch nur eine Spur von enttäuschten Hoffnungen. Als Elora daraus aufwachte, bemerkte sie, dass sie ein Stück weit gelaufen war. Sie hatte in der Finsternis in ihrem Herzen jedoch nicht bemerkt, in welche Richtung sie gegangen war. Als sie sich umsah, bemerkte sie, dass sie allein auf der Straße war. Es war schon spät geworden und inzwischen auch stockdunkel. Es war niemand da, den sie hätte um den Weg fragen können, keiner da, der den Tod der Hoffnung in ihren Augen hätte bemerken können.
Elora ließ sich fallen du weinte. Weinte hemmungslos ihre Trauer über diese Welt hinaus, bis ihr schlecht war und sie nichts mehr wusste.

 

 

 

 

 

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