Zu spät

 

 

 

„Du bist doch wirklich eine blöde Gans, ich weiß gar nicht, warum ich deine Launen noch weiter ertragen soll!“ Mit diesen zornigen Worten warf Thomas die Tür zu. Eilig stürzte er die Treppe hinunter. Er mußte sich beeilen, denn er war schon recht spät dran. Wenn er zu spät zu diesem Termin mit diesem äußerst wichtigen Kunden kommen würde, würde er wahrscheinlich seinen Job verlieren. Und Lejla wäre schuld daran. Warum konnte sie auch nicht verstehen, daß er nun einmal hart arbeiten müsse, wenn er in seiner Branche erfolgreich sein wollte? Die Firma, in der er arbeitete, war gerade groß im Kommen und er hatte es geschafft, sich zur rechten Hand des Generaldirektors hochzuarbeiten. Lejla mußte endlich verstehen, daß er nun nicht mehr so viel Zeit für sie hatte wie früher. Es konnte schon sein, daß er hin und wieder bis neun Uhr abends im Büro blieb, weil er noch einige Akten durchzuarbeiten hatte. Oder daß das eine oder andere Wochenende daran glauben mußte, weil Geschäftstreffen angesagt waren. „Wenn Lejla einen erfolgreichen Freund will, dann muß sie eben verstehen, daß Erfolg Opfer fordert, und mir nicht eine so häßliche Szene machen wie vorhin, nur weil ich dringend noch mal weg mußte und nicht mit ihr auf die Party gehen konnte“, waren Thomas Gedanken, als er mit viel zu hohem Tempo in den Firmenparkplatz einbog. Er blickte kurz auf seine teure Markenarmbanduhr und stieß einen erleichterten Seufzer aus: er würde noch rechtzeitig zu der Besprechung kommen, die  so wichtig für das Unternehmen war.

 

„Aber ich muß zugeben, daß ich in den letzten Wochen wirklich kaum Zeit für sie hatte. Sogar ihren Geburtstag konnte ich nicht mit ihr feiern, weil ich einen großen Deal mit einer japanischen Firma abwickeln mußte. Hätte meine Sekretärin mich nicht daran erinnert, hätte ich ihr nicht einmal Blumen mitgebracht. Eigentlich ist sie ja wirklich geduldig mit mir. Kein lautes Wort hat sie damals verloren, obwohl ihr die Enttäuschung so deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Ich werde mir dafür heute nach der Besprechung Zeit nehmen und sie zum Essen ausführen“, dachte Thomas versöhnlich, als er in den Aufzug stieg. Dir Liftfahrt schien ewig zu dauern, endlich war er im dreizehnten Stock. Und Thomas hatte Glück: die anderen waren noch nicht da, er war trotz des heftigen Streits mit Lejla, der ihm einige Zeit gekostet hatte, noch pünktlich zu diesem wichtigen Termin gekommen. Voller Tatendrang rieb er sich die Hände und betrat des Konferenzraum.

 

Die Verhandlungen waren bestens gelaufen,  Thomas hatte für die Firma einen guten Deal abschließen können. Er war nun in Höchstlaune und beschloß, seine Freundin abends ganz groß auszuführen. Es war zwar zu spät, um noch zu der geplanten Party zu gehen, aber sie würde sich bestimmt riesig freuen, wenn er sie in das neue französische Restaurant führte, von dem die ganze Stadt sprach. Für seine Firma war dort stets ein Tisch reserviert, und diesen Vorteil würde er nützen, um seiner Lejla einen unvergeßlichen Abend zu bereiten. Liebevoll dachte er an sie, die ihn stets in seinen Plänen unterstützt hatte, die er sich in den Kopf gesetzt hatte. „Sie hat mich immer so geliebt, wie ich bin. Sie hat nicht verlangt, daß ich Erfolg haben sollte, das war mein eigenes Ziel. Und für diese Unterstützung werde ich ihr heute danken. Und heute werde ich ihr endlich den Antrag machen, den ihr doch schon vor viel längerer Zeit hätte machen sollen!“ Mit einem Lächeln der Vorfreude griff Thomas in die Tasche seines Sakkos und befühlte die kleine Samtschatulle, die den Ring beinhaltete, den er seiner baldigen Braut an diesem Abend an den Finger stecken wollte. Er bereute, daß er am Nachmittag so wenig Verständnis für sie gezeigt hatte. Sie hatte sich doch schon seit Tagen auf die Party gefreut, zu der ein gemeinsamer Freund die beide eingeladen hatte. Sie war ohnehin in der letzten zeit verändert, voller Freude über irgend etwas. Und er hatte sich nie die zeit genommen, sie danach zu fragen. Aber mit der heutigen Überraschung würde er all das wieder gut machen, was er in der letzten Zeit falsch gemacht hatte.

 

Mit einem fröhlichen Pfeifen auf dem Lippen schloß Thomas die Tür seines Büros. Er war wie so oft der Letzte im Gebäude.

Als er sich umdrehte, standen zwei Männer in Uniform vor Thomas. Er erschrak furchtbar vor den beiden Polizisten, die lautlos hinter ihn gekommen waren. Für einen kurzen Moment fühlte er sich unwohl. Was konnte die Polizei um diese Uhrzeit von ihm wollen?

„Meine Herren, kann ich Ihnen helfen?“ fragte er sie höflich.

„Sind Sir Herr Thomas Schütte, der Lebensgefährte von Lejla Maiering?“ erwiderte einer der Beamten. Panik stieg in Thomas auf. Was war geschehen? War etwas mit Lejla? Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen nickte er kurz.

Nun  fing der andere Beamte an zu sprechen. „Können wir vielleicht in Ihr Büro gehen? Es ist wahrscheinlich besser, wenn Sie sich setzen.“

Thomas wurde heiß und kalt, Schweißtröpfchen bildeten sich auf seiner Stirn. Er wäre am liebsten die beiden Männer angefallen und hätte sie angeschrieen, sie sollen endlich sagen, was los war. Aber er beherrschte sich und schloß die Tür wieder auf. Er setzte sich in seinen Schreibtischstuhl und war zu angespannt, als daß er sich auf seine Manieren besinnen konnte, um den späten Besuchern auch einen Platz anzubieten.

 

„Herr Schütte, Ihr Freundin hatte einen Autounfall auf der Bundesstraße nach Litschach. Aus Gründen, die uns nicht bekannt sind, kam sie in einer Kurve von der Straße ab und prallte zuerst gegen die Leitschiene, die jedoch der Wucht des Autos nachgab, und dann prallte es gegen einen Baum. Sie wurde dabei schwer verletzt und starb noch an der Unfallstelle. Es tut uns sehr leid, Herr Schütte, können wir irgend etwas für sie tun?“

Lejla? Hatte einen Unfall? Was um Gottes Willen hatte sie auf dieser Straße zu suchen? Sie war eine so sicherer Fahrerin, es konnte nicht sein, daß sie einfach von der Straße abkam. Und sie war gestorben? Nein! Doch nicht Lejla, sie war immer so lebenslustig, und so jung, sie konnte nicht einfach tot sein! Warum erzählten die Beamten ihm solchen Unsinn?

Tausende Gedanken wirbelten durch das Gehirn von Thomas, und nur langsam begriff er, was die Worte der Polizisten eigentlich bedeuteten. Gefühle durchwirbelten seinen Körper, und in seinen Gedärmen krachte es, als würde jemand mit einer Mistgabel darin herumwirbeln. Sein Herz begann zu rasen und Beklommenheit verschleierte seinen Blick.

Als er endgültig verstand, blickte er sekundenlang die Männer ihm gegenüber nur an, bevor er sich heftig in seinen Papierkorb erbrach.

Die Beamten ließen ihm ein wenig Zeit, bevor sie ihn aus dem Gebäude begleiteten und nach Hause brachten, wo Thomas dann vollkommen allein war.

Hier ging er alles gedanklich noch einmal durch, denn er konnte und wollte nicht begreifen, daß Lejla nicht mehr ein Teil seines Lebens war. Was hatte sie auf dieser Straße zu tun? Sie war doch wütend gewesen und wollte nicht einmal mehr auf diese blöde Party gehen, auf die sie sich so gefreut hatte. Sie war wütend gewesen! Thomas fiel sein Streit mit seiner Freundin ein, und die Worte, die er zum Abschied sagte. Die letzten Worte, die er Lejla sagte, bevor er zu seinem Termin eilte und die junge Frau weinend in der Wohnung zurückließ.

 

Es durchfuhr Thomas wie ein Blitz: Seine letzten Worte an seine geliebte Lejla waren im Zorn gesprochen worden, er hatte sie beschimpft und sie dann allein gelassen! Schmerz zuckte durch Thomas Brust, als ihm blitzartig klar wurde, daß er niemals die Gelegenheit haben würde, sich zu entschuldigen. Niemals konnte er ihr sagen, wie sehr er sie liebte. Sie starb voller Kummer über einen blödsinnigen Streit.

Und klar, sie war auf dem Weg zu ihrer Schwester, um sich den Kummer von der Seele zu reden, deshalb war sie auf dieser Straße gewesen!

Thomas fühlte sich, als hätte ihm jemand von hinten ein Messer in den Rücken gerammt. Er mußte sich nochmals übergeben, bevor er Lejlas Eltern anrief.

 

 

Vier Tage später war alles vorbei. Das Begräbnis hatte stattgefunden, und Thomas war allein in seiner Wohnung. Er konnte nicht an der Feier nach der Beerdigung teilnehmen, seine Nerven würden das nicht aushalten.

Als der Sarg in das Loch hinabgelassen worden war, und jeder ein wenig Erde auf ihn streute, da wurde Thomas bewußt, daß es nun wirklich kein Zurück mehr gab. Lejla war für immer von ihm gegangen, er würde nie mehr ihr Lachen hören, nie mehr den Klang ihrer Stimme, er würde nie mehr ihren Geruch abends im Bett neben ihm wahrnehmen können, niemals mehr ihr weiches Haar auf seinem Gesicht spüren.

Thomas schenkte sich ein Glas Cognac ein und setzte sich in seinen Lehnstuhl. Er wußte noch nicht, wie er in Zukunft klarkommen sollte. Er hatte zwar von seiner Firma unbeschränkten Urlaub bekommen und seine Mutter versprach, sich um ihn und seinen Haushalt zu kümmern, aber wie sollte er mit seinen Gefühlen ins Reine kommen? Die Welt war schwarz und verhangen, und Thomas konnte keinen Lichtblick entdecken.

Er nippte an seinem Cognac und ließ den Blick über das Wohnzimmer schweifen, versunken in Erinnerungen.

Dabei fiel ihm ein Notizbuch auf, das nur hastig in das Bücherregal gelegt wurde. Dieses Notizbuch kannte Thomas nicht, es mußte Lejla gehört haben. Von Neugier geregt stand er auf  und holte sich das Buch. Wieder in seinem Lehnstuhl blätterte er ein wenig darin. Es war Lejlas Tagebuch.

„Ich wußte gar nicht, daß sie eines hatte“, dachte Thomas erstaunt und schlug die letzte beschriebene Seite auf. Der Eintrag wurde am Tag des Unfalls gemacht. Thomas begann zu lesen:

 

„Heute ist wieder einmal so ein Tag, an dem alles schiefgeht. In der Arbeit gab es Streß, weil die neue Kollegin alle gegeneinander ausspielt. Wenn das so weitergeht, wird es bald ein paar Kündigungen hageln, von denen wahrscheinlich auch mir eine droht. Aber Thomas konnte ich davon nichts zu erzählen, er war zu beschäftigt mit seinen eigenen Problemen. So wie immer in letzter Zeit. Manchmal frage ich mich, ob er mich überhaupt noch wahrnimmt.

Na, wenigstens wollten wir gemeinsam auf die Party bei Karl gehen, endlich mal wieder als Paar auftreten, endlich wieder etwas Zeit gemeinsam verbringen. Aber als er heimkam, meinte er nur, er müsse noch einmal weg, er hätte noch eine Konferenz. Da ließen meine Nerven aus und ich machte ihm Vorwürfe. Ich habe hingenommen, daß er Überstunden machte, um Erfolg zu haben. Ich habe hingenommen, daß wir uns nichts gönnten und jeder Cent in seine Karriere gesteckt wurde. Ich habe hingenommen, daß wir nur mehr wenig Zeit miteinander verbrachten, weil er seinen Traum von Erfolg verwirklichen wollte.

Aber wenigstens einmal im Monat könnten wir doch etwas gemeinsam unternehmen! Schon seit Wochen habe ich mich auf diese Party gefreut, habe mich darauf gefreut, wieder etwas Romantik mit meinem geliebten Partner zu erleben. Und habe mich darauf gefreut, ihm von meinem süßen Geheimnis zu erzählen. Aber nun frage ich mich, ob ich ihm überhaupt erzählen soll, daß ich schwanger bin. Ich habe das Gefühl, es interessiert ihn gar nicht, was mit mir los ist. Und als er heute sagte, er wisse gar nicht mehr, warum er überhaupt mit mir zusammen ist, da wurde mir klar, daß er mit mir Schluß machen will. Aber den Gedanken daran ertrage ich nicht!

Ich trage sein Kind unter dem Herzen und er will nichts mehr von mir wissen. Diesen Kummer überwinde ich nicht allein. Ich werde jetzt Marjeta besuchen fahren und mir die Last von der Seele weinen, sie hört mir wenigstens zu.

Ach Thomas, ich liebe Dich so sehr, mit jeder Faser meines Seins, aber Du nimmst mich nicht einmal wahr......“

 

Weiter konnte Thomas nicht lesen. Er ließ das Buch fallen und stürzte zu Boden. Und er weinte. Zum ersten Mal in seinen Leben weinte er, auf seinen Knien weinte er um ein verlorenes Leben, das ihm niemand mehr wiederbringen konnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

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