Traumwelt

 

 

Ich choppere mit meiner VN 1600 über die Straße und genieße die schöne Landschaft ebenso wie das angenehme Wetter. Es scheint zwar die Sonne, aber es ist nicht so brennend heiß wie sonst in diesen Breiten. Ich habe Urlaub und verbringe die Zeit mit meinen beiden liebsten Hobbies: Dem Biken und dem Fotographieren. Nun brause ich über die Straße, strecke mein Gesicht der Sonne entgegen und halte Ausschau nach einen geeigneten Ort für eine kleine Pause. Schon nach wenigen Kilometern entdecke ich ein wunderschönes Stück Natur und ich beschließe, dort ein kleines Picknick abzuhalten. Mein Bike ist schnell abgestellt und schon hole ich mein in der Pension vorbereitetes belegtes Brot und eine Flasche Orangensaft aus einer der Satteltaschen. Nach der Mahlzeit strecke ich mich in der Wiese aus und laß mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Doch nach ein paar Minuten merke ich, dass ich nicht allein bin. Ich öffne die Augen und sehe, dass jemand vor mir steht. Der Figur nach ein Mann, das Gesicht kann ich jedoch nicht erkennen, weil mich die Sonne blendet. „Auch auf der Suche nach einem schönen Motiv?“ fragt mich eine Stimme, die mir seltsam bekannt vorkommt. Ich verstehe im ersten Moment nicht, was er meint, und setze mich auf. Nun kann ich das Gesicht des Fremden sehen, der eigentlich gar kein Fremder ist. Mir bleibt kurz die Luft weg. Nichtsahnend liege ich da und lasse es mir gut gehen, und plötzlich steht der Mann vor mir, dem die Frauen in Scharen nachlaufen, dem neuen Sexsymbol der Filmindustrie und mein persönlicher Favorit unter der großen Zahl von Schauspielern. Jetzt erst bemerke ich, dass er in seinen Händen eine Kamera hält und mit einem Fuß zu meiner Fototasche zeigt, die neben mir im Gras liegt. Das hatte er also gemeint. „Und, was entdeckt, das dir gefällt?“ fragt er mich nun. Da fange ich zu lachen an. Natürlich habe ich etwas entdeckt, das mir gefällt, gerade eben, aber das kann ich ihm nicht sagen. Also schüttle nur den Kopf und stehe auf, um nicht in gänzlich unvorteilhafter Lage vor meinem Idol zu liegen. Mir kommt in den Sinn, dass ich vor lauter Verwunderung  unhöflich war und ihm noch eine Antwort schulde, also höre ich mich sagen: „Im Moment habe ich nichts gesucht, ich war gerade dabei, eine Pause zu machen.“ Mein Gegenüber sieht mich von oben bis unten an, nickt und dreht sich dann in Richtung meines Motorrades. „Deines?“ Na klar meines, außer mir ist ja keiner da weit und breit. Aber ich schlucke eine zynische Bemerkung hinunter und nicke nur. „Sieht toll aus“, sagt er. Mann, ich glaub, ich spinne! Ich stehe da mitten im Nirgendwo, und bei mir ist mein Lieblingsfilmheld, dem mein Bike gefällt. Bin ich nicht die glücklichste Frau auf der Welt?

Doch Glück ist steigerbar. „Mein Wagen ist irgendwo da hinten, ich hab einen Platten und weder einen Ersatzreifen noch Werkzeug mit. Könntest du mich vielleicht in die nächste Stadt mitnehmen?“ Das ist es also, was er will. Ich  verbiete mir den Gedanken, dass man ganz schön dämlich sein muß, um ohne Werkzeug und Telefon allein in die Steppe zu fahren. Filmhelden haben eben andere Sorgen. Zum Glück herrscht hier keine Helmpflicht, so ist es kein Problem, dass ich ihn auf meinem Sozius mitnehme. Schnell packe ich meine Sachen zusammen und binnen weniger Minuten sind wir in vollem Tempo unterwegs.

Da sitze ich also auf meinem Traum-Motorrad, fahre eine Traumstrecke voller Kurven, in die man sich legen kann, und hinter mir sitzt ein Traummann, der seine Hände um meine Taille geschlungen hat, um sich festzuhalten. Ich bin doch die glücklichste Frau auf der Welt.

Nach einer Stunde kommen wir in eine Stadt, ich bringe meinen Helden zur nächsten Tankstelle, die über eine Werkstatt verfügt, die können ihm sicher helfen. Als er absteigt, möchte ich gleich weiterfahren, doch er bittet mich, einen Moment zu warten. Nachdem er mit dem Mechaniker alles besprochen hat, kommt er zu mir und fragt mich, ob ich nicht Lust habe, mit ihm in ein Café zu gehen. „Irgendwie muß ich mich ja bedanken, dass du mich aus einer heiklen Situation gerettet hast“, lächelt er verschmitzt in seinen Bart. „Schweigegeld brauche ich aber keines, ich kann auch so meinen Mund halten“, grinse ich zurück. Das wäre ein gefundenes Fressen für die Presse! Filmheld, der in seinem letzten Werk ganze Horden von Menschen aus den Klauen von Monstern befreit hat, versagt im normalen Leben und muß sich von einer holden Jungfrau retten lassen. Ich sehe die Schlagzeile vor mir und muß lachen, wofür ich einen fragenden Blick ernte. „Ach nichts“, beantworte ich das Fragezeichen in seinem Gesicht lachend und bestelle mir einen Tee.

Wir sitzen recht lang in diesem Café und unterhalten uns über alles Mögliche, über seine Arbeit, sein Leben, seine Zukunftspläne. „Aber nun haben wir genug über mich geredet, erzähl mir doch was von dir!“ Nun sitze ich mit meinem absoluten Lieblingsstar fröhlich plaudernd in einem Café in einer Kleinstadt im Nirgendwo und mein Gegenüber interessiert sich auch noch für mich, für meine Arbeit, meine Interessen, mein Leben. Ich bin sicherlich die glücklichste Frau auf der Welt.

Ich will gerade ansetzen, über meine Fotographie zu reden, als ich ein unangenehmes, schrilles und alles durchdringendes Geräusch höre. Es ist rhythmisch und bewirkt, dass die ganze Szene vor mir verschwimmt und einer Finsternis weicht. In dieser Finsternis, die sich wohlig warm anfühlt, höre ich eine Stimme, die mir ein Lächeln auf die Lippen zaubert „Guten Morgen, mein Schatz. Wir müssen aufstehen, es ist schon spät!“ sagen. Ich räkle und strecke mich und will noch nicht aus dem Bett. „Muß ich da etwa nachhelfen, meine süße Frau?“ sagt mein Mann und ich spüre, wie mir seine blonden Locken ins Gesicht fallen und auf meinen Lippen kitzeln. Doch bevor ich lachen kann spüre ich unendlich sanft ein paar weiche Lippen auf meinem Mund und ein paar Arme, das mich fest umschlingt, und ich bekomme den zärtlichsten  Guten-Morgen-Kuß der Welt von dem Mann, der den selben Ring wie ich am Finger seiner rechten Hand trägt und seine gesamte Liebe zu mir in seine morgendliche Umarmung legt.

 

Ja, ich bin die glücklichste Frau der Welt.

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