Sonnenschein


 

 

Lea war einfach darauf los spaziert. Sie wusste eigentlich gar nicht so recht, wie sie jetzt hierher gekommen war. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war, dass sie aus dem Café gestürmt war, weil sie Davids Anblick nicht mehr ertragen konnte. Gestern war die Welt noch in Ordnung gewesen. Zumindest dachte Lea das. Ihr Freund David hatte sie angerufen und sie hatten ausgemacht, einander am nächsten Nachmittag in ihrem Stammlokal zu treffen. Voller Freude hatte Lea heute sorgfältig ihr Makeup aufgelegt und sich ein besonders hübsches Outfit herausgesucht. Mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen verließ sie ihre Wohnung und spazierte gemütlich zu besagtem Café. David war schon da. Mit sichtlicher Nervosität erwartete er seine Freundin. Lea musste lächeln als sie seine Aufgeregtheit sah. Sie dachte, er würde sich freuen, sie zu sehen. Doch bald sah sie ihren Irrtum ein. Er war nervös, weil er gekommen war, um ihrer Beziehung ein Ende zu setzen.

Neben der Trauer um eine zerbrochene Liebe verspürte Lea eine unsagbare Wut. Dieser Feigling machte mit ihr in der Öffentlichkeit Schluß, in der Hoffnung, sie würde ihm vor all den Leuten keine Szene machen. Und er hatte Recht, Lea hielt sich tapfer. Nachdem David ihr gestanden hatte, dass er eine andere hatte, und das schon seit zwei Wochen, wagte er es zu fragen, ob sie nicht Freunde bleiben konnten. Lea stand auf und ging mit unbewegter Miene. Keine Träne verließ ihre Augenwinkel, kein Zucken in ihrem Gesicht verriet, was in ihr vorging. Sie war einfach gegangen, aus dem Café, der Straße nach, bis sie hier war.

Sie sah auf, die Sonne schien heute hell, keine Wolke war am Himmel zu sehen. Instinktiv war sie an ihren Lieblingsplatz gegangen, zu der Lichtung im Wald, an der sie schon so oft ihren Gedanken nachgegangen war.

Sie riß sich aus ihren düsteren Gedanken und nahm den vertrauten Gesang der Vögel wahr. Nun spürte sie auch die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Das verspielte Plätschern des nahen Baches hatte eine beruhigende Wirkung auf sie.

Und dennoch, jetzt konnte und wollte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie sank ins junge Frühlingsgras und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie vergaß alles um sich herum, die Zeit ebenso wie sich selbst. Sie spürte nur das Messer in ihrem Herzen, das ihr David nach drei gemeinsamen Jahren voller Glück hineingestoßen hatte.

Lea weinte so lange und so ausgiebig, dass sie gar nicht bemerkt, dass die Sonne hinter Wolken verschwunden war und es leicht zu regnen begonnen hatte. Erst, als sie dicke Wassertropfen auf ihren nackten Oberarmen spürte, sah sie auf. Ihre Augen waren tränenverhangen und sie Konturen der Welt waren verwischt.

Sie versuchte, sich an schöne Momente in ihrer Beziehung mit David zu denken, doch das Glück dieser Erinnerungen trieb ihr Tränen in die Augen.  Sie versuchte sich zu erinnern, warum sie David so sehr liebte. Ihr fielen tausend Gründe ein. Doch am meisten hatte ihr immer sein Verständnis für das Verhalten der Menschen imponiert. Es gab kein Verhalten, das er nicht hinterfragte, das er nicht zu verstehen versuchte. Deshalb war David auch komplett ohne Vorurteile.

Ja, das war es, was David vor allen anderen Eigenschaften zu so etwas Besonderem machte. Lea musste lächeln, als sie an den Vorfall in der Diskothek dachte, als dieser junge Mann wie ein Irrer herumschrie und wild tobend aus dem Lokal stürmte. Alle hatten über ihn gelacht, aber nicht David, er hatte Mitleid. In seinen Augen hatte der Mann etwas Schweres durchgemacht, das sein Verhalten rechtfertigte. An diesem Abend wurde Lea zum ersten Mal klar, warum sie ihren Freund so liebte.

Doch das war nun alles vorbei, denn dieses Schwein...

Nein, das genau war der falsche Weg, die Sache zu sehen, das wurde Lea auf einmal bewusst. Gerade noch hatte sie bewundert, dass ihr Exfreund nicht vorschnell andere beurteilte, und nun wollte sie selbst es doch tun?

Lea versuchte nun, Davids Verhalten im Café zu analysieren. Sie musste nicht lange nachdenken, um zu verstehen, dass er ihr die schlimme Nachricht an einem öffentlichen Ort mitteilte, um sie davor zu bewahren, etwas zu tun oder zu sagen, was sie hinterher bereuen könnte. Er kannte das Mädchen gut genug, um zu wissen, dass sie vor anderen Leuten niemals ausrasten würde. So schützte er sie eigentlich vor sich selbst.

Lea musste lächeln. Was für ein toller Mensch ihr David doch war.

Doch halt! Er war ja nicht mehr „ihr“ David, er gehörte nun einer anderen. Warum? Warum musste er ihr das antun? Doch in dem Moment, in dem sich Lea diese Frage stellte, wusste sie auch schon die Antwort: Die Beziehung konnte auf lange Sicht nicht gut gehen. Lea würde bald ihre Abschlussprüfung machen und danach musste sie zum Studium in eine andere Stadt ziehen. Dort würde sie neue Freunde finden und ihren eigenen Interessen nachgehen, die nun doch so ganz anders waren als die von David.

Nein, diese Fernbeziehung würde nicht lange gut gehen.

Nun war Lea klar, dass David sie angelogen hatte. Es war keine andere Frau im Spiel. Das war eine Ausrede, um den Abschied leichter zu machen. Er wusste, dass die Beziehung sonst mit der Zeit eine hoffnungsloser Kampf  gegen unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Welten geworden wäre, den er ihnen beiden ersparen wollte.

Lea wischte sich eine Träne von der Wange. Sie dachte nun ganz anders von der heutigen Szene in ihrem Stammlokal.

Sie hob ihre Augen gegen den Himmel und bemerkte erst jetzt, dass die Wolken sich verzogen hatten und eine matte Frühlingssonne auf sie herabschien. Sie wusste, dass eine schwere Zeit vor ihr lag, dass sie lange brauchen würde, um den Schmerz zu überwinden. Insgeheim hoffte sie, dass ihr in drei Jahren, wenn sie mit ihrem Studiumabschluß  zurückkehren würde, eine neue Chance mit David gegeben wurde.

„Hoffnungen soll man nicht aufgeben“, kicherte sie in sich hinein.

 

Doch dann wurde sie wieder ernst. Mit einer Träne im Augenwinkel dachte sie: „Mein geliebter David, ich wünsche Dir alles Gute!“ und machte sich auf den Weg in ein neues Leben.


 

 

 

 

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