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Tag 17

Aflenz, 24.11.2007

Tag 17 – Besuch von der Verwandtschaft

Ich schlief sehr lange nicht ein, dann aber gut. Trotzdem war die Nacht sehr kurz und ich kam kaum aus dem Bett. Irgendwie habe ich mich aber doch in den Speisesaal vorgekämpft, wo ein Kürbiskernweckerl mit Topfen auf  mich wartete. Zur Feier des Tages – schließlich ist Sabbat! – gab es wieder Bananenscheiben auf den Topfen.
Meine Schwiegermutter und meine Schwägerin hatten sich angesagt, und da ich nicht wusste, wann sie denn kommen würden, ging ich gleich nach dem Frühstück saunieren, damit ich früh am Vormittag fertig wäre. Diesmal waren wir sogar fünf Frauen. Und es kam mir in der Sauna viel heißer vor als die letzten Male, der Schweiß troff direkt von meinem Körper. Dreimal machte ich die Runde Sauna – Kaltwasserbad mit einem Sprung in den Schnee – Ruhe. Dann musste ich aufhören, denn als ich das letzte Mal auf der Pritsche im Ruheraum lag und die weiße Wand neben mir anstarrte, begann siech diese plötzlich zu drehen. Eine Zeit lang traute ich mich gar nicht aufzustehen, weil ich spürte, dass mein Kreislauf verrückt spielte. Irgendwann wagte ich es dann doch und kam halb kaputt in meinem Zimmer an. Dort legte ich mich ein wenig auf das Bett, um mich zu erholen, aber es half nichts. Ich zog mit Rock und ein hübsches Leibchen an, damit ich gewappnet wäre, wenn mein Besuch kommt, und ging zu einer unserer Blutdruckmessstationen. 100/70 hatte ich, und knapp 50 Puls, das war für meine Verhältnisse etwas wenig.
Bis zum Mittagessen war ich in meinem Zimmer und versuchte mich zu erholen. Ich verbrachte die Zeit damit, mir eine halbwegs hübsche Frisur zu zaubern und etwas Bibelstudium zu betreiben.
Meine Schwester rief mich an und wir tratschten ein wenig. Etwas später rief mich eine Klientin aus der Arbeit an, weil sie einen (Beinahe)Notfall zuhause hatte und wollte, dass ich sofort komme. Als ich ihr erklärte, dass ich ja nicht einmal in Klagenfurt war, wurde sie sehr wütend und ungehalten und bewarf mich mit unschönen Ausdrücken, so quasi ich sei mir zu schön zu ihr zu fahren und ihr zu helfen, wenn sie so in Not wäre. Mensch, das hat mich aufgeregt! Endlich hatte ich es geschafft, in Sachen Firma total abzuschalten und die Probleme aus meinem Denken zu verbannen, ruft diese Hexe an und macht mich fertig. Per Telefon habe ich dann Hilfe für sie organisiert
Bald danach war es Zeit für das Mittagessen. Halb taumelnd ging ich in den Speisesaal. Da sich mein Herz anfühlte, als würde es mir bis in die Kehle hüpfen, maß ich auf dem Weg dorthin noch einmal meinen Blutdruck. Der war relativ normal, bloß der diastolische Wert war etwas hoch. Ich muss mich endlich erkundigen, was das bedeutet, denn der ist bei mir öfters leicht erhöht. Ich glaube, es bedeutet, das sich das Herz zwischen seinen Pumpstößen nicht richtig entspannt, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Es ist jedenfalls so, dass immer dann, wenn in meiner Brust ein Beklemmungsgefühl sitzt, nicht der erste, systolische Wert hoch ist, sondern  der zweite, der diastolische.
Etwas wackelig, aber das gut überspielend, ging ich also zum Mittagessen. Es gab irgendein Fleisch, dazu Kochsalat mit Erbsen und Röstkartoffeln. Ich bekam statt dem Fleisch ein Stück Rührei. Und ich aß zum ersten Mal in meinem Leben Kochsalat, aber der war gar nicht so schlecht, schmeckte spinatähnlich. Bloß von den Kartoffeln war ich ein wenig enttäuscht. Ich liebe nämlich geröstete Erdäpfel, die allein würden mir zum Mittagessen schon reichen. Aber sie müssen wirklich etwas angebraten, also braun sein. Die hier waren bloß ein Schöpfer voll Matschkartoffeln. Geschmacklich gut, jedoch nicht das, was ich mir erwartet hatte, schade. Als Nachspeise gab es Himbeerjoghurt, das war sehr lecker!
Nach dem Essen legte ich mich im Zimmer ein wenig aufs Bett, jedoch auf den Bauch, damit ich mir die Frisur nicht zerstöre und die Spangen ja auch drücken, wenn man darauf liegt. Und prompt bin ich mit dem Gesicht in den Polster gedrückt eingeschlafen. Für nicht einmal eine dreiviertel Stunde, denn ich rechnete ständig damit, dass meine Verwandten auftauchen würden.
Und so wartete ich den halben Nachmittag. Ich las, hörte Musik, stickte etwas und wartete.
Mein Kreislauf war noch immer nicht astrein, aber bereits stabiler.
Um dreiviertel vier rief meine Schwiegermutter an um mir zu sagen, dass sie nun in Oberaich losfahren würden und in einer halben bis dreiviertel Stunde bei mir sein würden. Ich freute mich sehr auf den Besuch, war direkt aufgeregt. Nach einer halben Stunde, ich der ich mich mit meiner Stickerei abzulenken versuchte – ich stellte das Handtuch für meine Schwiemu fertig – ging ich hinunter ins Foyer und wartete dort. Um kurz vor fünf kam die Bande dann, meine Nichten mir gegenüber noch etwas schüchtern. Die jüngere ist ja momentan sowieso nur auf die Mama fixiert, ich darf sie ja nicht einmal angreifen, und die ältere taute mit der Zeit auf. Und wie das so ist wenn Frauen tratschen, verging die Zeit wie im Flug, bald war es 17.40 Uhr und Zeit für das Abendessen. Bis wir uns dann wirklich voneinander verabschiedet haben, war es bereits fünf vor sechs und ich rannte beinahe in den Speisesaal. Mit den Mitbringseln (Blumen und eine Steckfigur dazu) und einigen anderen Dingen in der Hand kam ich viel zu spät zum Essen, das muss ein Anblick gewesen sein. Ich hatte das Gefühl, jeder einzelne würde mich anstarren, aber das habe ich  mir sicherlich nur eingebildet.
Es gab französischen Salat. So richtigen hatte ich noch nie gegessen, ich kannte nur die Version ohne die Kartoffeln. Aber er war sehr, sehr gut.  Während dem Essen läutete mein Handy, das im Speisesaal ja eigentlich verboten ist, und mein Schatz war dran. Als ich sagte, ich wäre gerade beim Essen und würde bald zurückrufen, klang er komisch, sodass ich dachte, es musste etwas passiert sein. Ich würgte meinen Salat blitzschnell hinunter und spurtete los, um bereits am Gang zurückzurufen. Es stellte sich heraus, dass mein Liebster bloß durch seinen Schnupfen so eigenartig klang.
Einige Zeit telefonierten wir miteinander, was mich und mein Herz ziemlich beruhigte. Aber kaum legten wir auf, wurde ich wieder unruhig. Irgendetwas grub in mir, in meinen Gedanken, aber ich kam nicht drauf, was es war. Eventuell die unsanfte Erinnerung an meinen Job, vielleicht der Besuch, die Sehnsucht nach körperlicher Berührung durch meinen Schatz, vielleicht hatte ich es beim Saunieren übertrieben, ich weiß es nicht. Ich war einfach unruhig. Und einsam. Kurz vor dem Heulen. Ich war ganz kurz davor, dass ich entweder zu Peter oder Susi ging um zu fragen, ob ich mich einmal kurz anlehnen darf. Ich glaube, Peter hätte dann endgültig gedacht, dass ich was von ihm will. Anfangs dachte ich ja, er möchte was von mir. Aber entweder hatte ich  mich grob getäuscht und das bloß gedacht, weil er einfach zu jedem freundlich ist, oder es ist ihm vergangen, als wir über den Altersunterschied zwischen uns gesprochen haben. Ich glaube aber eher Ersteres, wahrscheinlich sind meine Sinne diesbezüglich schon wegen dem langen Entzug ziemlich gestört.
Es ist nun aber so, dass ich mich in der Gegenwart von Peter sehr wohl fühle. Ich habe kein sexuelles Interesse an ihm, also nichts in Sachen „Mann-Frau-Beziehung“, aber rede gerne mit ihm, höre ihm gerne zu und mag sein Lachen. Außerdem hat er weiche, freundliche Augen. Weswegen ich oft das Gespräch mit ihm suche und auch versuche, mit ihm zu albern. Auch aus Unsicherheit, weil ich mit dieser Situation nicht so ganz umgehen kann. Und nun hoffe ich stark, dass er nicht denkt, ich würde mich an ihn ranmachen...Aber selbst wenn, was soll´s, in ein paar Tagen fährt er nachhause und wir werden einander nie wieder sehen. Ich bin um eine peinliche und er um eine amüsante Episode in den Erzählungen über die Kur reicher.
So, wo war ich eigentlich stehen geblieben?
Ach ja, ich war abends noch ziemlich unruhig, fühlte mich irgendwie hilflos und verloren. Also legte ich  mich auf das Bett und versuchte mich in autogenem Training. Es half ganz gut, ich merkte, dass mein Herz langsam ruhiger wurde und bald wieder normal schlug. Trotzdem konnte ich lange nicht einschlafen.
Also las ich noch ein paar Kapitel in meinem Buch von Ellen White, bis ich so müde war, dass mir doch die Augen zufielen.

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Tag 18

Aflenz, 25.11.2007
 
Tag 18 – Besuch am Adventmarkt

Ich hatte die ganze Nacht über so irre und abenteuerlich geträumt, dass ich morgens direkt erschöpft war und kaum aus den Federn kam. So lange wie heute brauchte ich noch nie, um in die Gänge zu kommen. Aber irgendwie habe ich es doch geschafft, um etwa viertel acht im Speisesaal beim Frühstück zu erscheinen. Heute gab es wieder Müsli, aber so richtig schmecken wollte es mir nicht. In meinem Mund schmeckte alles nach Stroh. Meine Stimmung war mies. Ich war nicht schlecht gelaunt, aber betrübt, melancholisch, bedrückt. Außerdem war mir ständig schwindelig und meine Knie waren weich wie Butter. Auch die anderen am Tisch merkten, dass mit mir etwas nicht stimmt und fragten mich, was los sei. Ich schob es auf den Kreislauf, aber so richtig wusste ich selbst nicht, was mit mir los war.
Inzwischen denke ich, dass ich einfach schon zu lange von zuhause weg bin. Ich brauchte dringend jemanden, mit dem ich reden konnte, der mich in den Arm nahm und mich spüren ließ, dass ich nicht allein bin. Ich fühlte mich unter über hundert Leuten einsam.
Peter erzählte, dass er mit ein paar anderen nach Mariazell fahren würde, ich überlegte tatsächlich einen Moment ihn zu fragen, ob er mich mitnehmen würde. Nur um unter Leuten zu sein, ich fürchtete mich vor der Einsamkeit des Zimmers. Zurückgehalten haben mich die Angst, aufdringlich zu sein, und mein schwacher Kreislauf.
Zurück im Zimmer wusste ich gar nichts mit mir anzufangen. In der Hoffnung, mich ein wenig zu beruhigen, setzte ich mich hin und las. Ich war unruhig, mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich ging, um meinen Blutdruck zu messen, doch der war relativ normal (130/80 und 67 Puls).
Dann überlegte ich, ob es gescheit wäre, schwimmen zu gehen, damit mein Kreislauf in Schwung kommt. Aber der Gedanke an die viel zu warme, feuchte Luft reizte mich gar nicht. Lust hatte ich eigentlich auf gar nichts, außer mich ins Bett zu legen und zu schlafen. Aber da ich dachte, es wäre vernünftiger, ein wenig Zeit an der frischen Luft zu verbringen, besiegte ich meinen inneren Schweinehund, zog mich um und ging spazieren.
Es war der Horror. Das Wetter war mies, half meiner Stimmung also gar nicht. So lange ich bergauf ging, mich also anstrengte, hatte ich das Gefühl, das Gehen würde mir helfen. Aber kaum blieb ich stehen oder ging bergab, fühlte es sich an, als würde die ganze Welt auf mich hereinstürzen. Ich kenne dieses Gefühl bereits, es heißt, dass ich kurz vor einem Kollaps stehe. Also ging ich, wenn es abwärts ging, sehr schnell, damit es auch anstrengend war, und blieb nie stehen. Fast rennend kam ich nach knapp einer Stunde zurück ins Zimmer. Durch Nebel und leichten Regen war meine Kleidung feucht und ich ziemlich abgekühlt, also duschte ich mich gleich heiß und ringelte mich dann fest zugedeckt im Bett ein. So döste ich eine halbe Stunde vor mich hin. Dann hatte ich das Gefühl, es würde mir besser gehen.
Schwindelfrei kam ich zum Mittagessen. Es gab Schweinsbraten mit Semmelknödeln und Sauerkraut. Eigentlich hatte ich mich schon sehr auf dieses Essen gefreut (Natürlich nicht auf die Schweinereien!), aber als es nun vor mir stand, kam in mir gar keine Freude auf. Ich bekam zwei Knödeln, die extrem trocken waren. Und dazu das Kraut, keinerlei Sauce oder sonst irgendwas. Das Kraut war geschmacklich sehr gut, aber ich  musste es mit den Knödeln zusammen hinunterwürgen, da ich die sonst nie hinunterbekommen hätte. Schade, ich liebe normalerweise Semmelknödel, esse sie aber selten, da mein Schatz sie nicht mag und ich für mich allein keine koche. Aber die waren wirklich schauderbar, eine Gemüsesauce hätte wahrhaftig nicht geschadet. So konnte ich das Kraut auch nicht so recht genießen. Möglicherweise lag es auch an meiner schlimmen Stimmung. Ich versuchte zwar immer wieder, mich am Tischgespräch zu beteiligen, aber lieber blieb ich in meinen Gedanken für mich.
Nach dem Essen lud Susi mich ein, mit ihr auf den Adventmarkt, der dieses Wochenende im Ort stattfand, zu gehen. Freudig stimmte ich zu. Ich telefonierte noch kurz mit meinem Schatz (was mir sehr gut tat), zog mich um, und dann ging es los.
Der Markt war im Festsaal von Aflenz untergebracht, es waren zehn bis fünfzehn Stände, jeder etwa so groß wie zwei zusammengestellte Biertische – wenn überhaupt. Ein netter, überschaubarer Markt. Es gab allerlei Kunsthandwerk zu bewundern, aber wie auf jedem Markt auch Ramsch. Die schönen Dinge überwiegten jedoch. Von handbestickten Tischtüchern über Keramik, Gestecke, Christbaumschmuck, handgemachten Karten, Winterkleidung, Bienenwachskerzen, Leckereien, Schokoladekunstwerke und Bücher war alles vertreten. Leider war die Luft sehr warm und schlecht, sodass mein Kreislauf wieder rebellierte. Ich schaffte es jedoch, mich zusammen zu reißen und ließ mir hoffentlich nichts anmerken. Es gab Kletzenbrot, das einfach wunderbar aussah, aber ich schaffte es, zu widerstehen. Woran vielleicht auch mein Kreislauf „schuld“ war.
Nach dem Markt lud Susi mich noch zu sich ins Zimmer auf einen Kaffee ein. Wieder einmal entpuppte sie sich als meine Retterin. Erstens tat mir der Kaffee sehr gut, mein Kreislauf wurde wieder halbwegs normal, und das Gespräch mit ihr war Balsam für meine Seele. Als sie mich zurück in mein Zimmer „schickte“, war meine Furcht vor dem Alleinsein verschwindend gering. Außerdem war da bereits ein Großteil des Nachmittags gelaufen, es würde also nicht mehr lange bis zum Abendessen dauern. Und da wäre ich zumindest wieder unter Leuten.
Ich rief meinen Schatz an, wir plauderten eine Weile, dann setzte ich mich an den Laptop und schrieb den Eintrag für gestern. Und ehe ich es mich versah war es Zeit zum Essen. (So langsam erscheint mir, ich schreibe nur noch über das Essen.)
Auf dem Plan stand Thunfischaufstrich. Ich bekam Rouladen, die aus Käseblättern und Frischkäse mit Kräutern gemacht wurden. Da sah sehr hübsch aus und schmeckte wirklich gut! Aus dem Tischgespräch hielt ich mich heraus, weil Fußball nun einmal nicht unbedingt mein Thema ist (Ich war einmal SK Sturm-Fan, zu einer Zeit, als es noch einen Vastic und einen Osim gab, aber mit meinem Umzug nach Kärnten hat das aufgehört.) Außerdem war meine Stimmung noch immer nicht unbedingt rosig.
Beim Gespräch auf dem Rückweg in unsere Zimmer kamen Hermi, Susi und ich auf die Liebespaare im Haus zu sprechen. Mir persönlich kommt ja vor, wir sind nur mehr von hormongesteuerten Paaren umgeben, aber daran können auch meine Entzugserscheinungen schuld sein. Ich berichtete ihnen, dass ich am Nachmittag sehr eindeutige Laute einer Frauenstimme gehört hatte, was die beiden höchst amüsant fanden. Und während wir darüber sprachen, ging eine Frau neben uns zu einem Mann ins Zimmer. Und mir gegenüber wohnt eine Frau, bei der abends auch immer ein Mann klopft, und wenn sie nicht gleich die Türe öffnet, dann ruft er sogar bei ihr im Zimmer an, damit sie aufmacht. Dafür, dass solcherlei Treiben hier eigentlich verboten ist, geht es zu wie in einem Freudenhaus. Das sind ja nur die Beobachtungen in unserem Gang (Ich unterstelle mal den beiden Damen, die wir kichernd miteinander in einem Zimmer verschwinden sahen, nichts...), wie muss es da erst im ganzen Haus zugehen!
Aber da ich nicht zum Zug komme, kann mir das egal sein (Die weigern sich, zu Therapiezwecken mein Schatzl einzufliegen!), wenn sie nur nicht so laut werden, dass ich sie hören kann...
So, und nun sitze ich hier und tippe, und entweder ist da schon wieder ein Pärchen recht laut, oder ich halluziniere bereits vor lauter Sehnsucht. Nichtsdestotrotz werde ich mich jetzt an meine Stickerei machen. Ich habe nämlich beschlossen, dass das Handtuch für meine Schwiemu doch noch nicht ganz fertig ist. Und da mir für das für meinen Schwiepa noch kein passendes Motiv eingefallen ist, arbeite ich einmal daran weiter.
Nun denn, bis morgen.

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Tag 19

Aflenz, 26.11.2007

Tag19 – Sex und andere wüste Geschichten

Abends schrieb ich noch einen schon des längeren fälligen Bericht über einen Kongress, erst dann ging ich zu Bett, also etwa um 23.00 Uhr.
Des Nachts hat es furchtbar gestürmt, der Wind hat vor meinem Fenster lautstark geheult, sodass ich um dreiviertel eins aufstand um das Fenster zuzumachen. Danach schlief ich richtig gut und fest. Jedoch fiel das Aufstehen schwer, die Nacht war ja doch sehr kurz gewesen.
Trotzdem war ich bereits um etwa viertel acht beim Frühstück, es gab Kornspitz mit zwei Blatt Käse. Ich muss sagen, Bananenscheiben sind unter Käse ein guter Butterersatz...
Ich hatte vormittags keinerlei Verpflichtungen, so beschloss ich, einen Spaziergang zu machen. Doch als ich aus dem Fenster sah, verging mir die Lust darauf. Ich war überzeugt gewesen, der Sturm in der Nacht wäre ein Föhn gewesen. Was immer es auch war, es brachte reichlich Schnee. Und es schneite immer noch, so stark, das es aussah, als würde jemand Papierschnitzel aus einem Kübel über uns ausschütten. Hermi hat berichtet, dass es in Wien um sechs Uhr morgens bereits heftigst gewittert hatte. Und in den Kärntner Schigebieten regnete es. Verrücktes Wetter!
So wurde mein Spaziergang nur ein kleiner Ausflug von einer knappen halben Stunde zur Post und in die Buchhandlung. Mir war nämlich noch ein sehr lieber Klient eingefallen, dem ich noch keine Ansichtskarte geschickt hatte, das musste ich natürlich nachholen. Außerdem musste ein Liebesbrief an meinen Süßen aufgegeben werden...
Zurück im Haus wollte ich ins Internet gehen, aber wegen des schlechten Wetters war wohl keiner der Patienten draußen, sodass alle Computerplätze belegt waren.
Im Zimmer vertrieb ich mir die Zeit mit meiner Stickerei und dem Malen einer Karte für meinen Liebsten. Man mag das kindisch finden, aber mir war eben gerade danach. Die Karte ist ganz hübsch geworden, etwas herzlastig kitschig, aber auf die Botschaft kommt es an.
Währen die Raumpflegerin in meinem Zimmer zugange war, saß ich am Gang draußen in einer gemütlichen Ecke und schmökerte. Von den vorbeigehenden Leuten erfuhr ich die neuesten Geschichten. So ergab es sich, dass ich erfuhr, dass ich am Vortag nicht die einzige gewesen war, die eindeutige Frauengeräusche vernommen hatte, und es stellt sich auch heraus, wer der „Übeltäter“ war. Ein irre Geschichte:
Zwei Patienten, beide erst letzte Woche angekommen, fanden sich. Auf sehr spektakuläre Weise, das ganze Haus lacht darüber. Oder schüttelt den Kopf, je nachdem. Er ist ein kleiner dunkelhäutiger Typ, der es bei jeder Frau versuchte, egal ob dick oder dünn, jung oder alt. Auch bei mir, er ist damals nur knapp einem Tritt in den Unterleib entgangen. Ich war nämlich gerade im Wasser bei meiner Gymnastik, als er mir mit seiner Schaumgummiwurst nachpaddelte, egal wohin ich wendete. (Er kann nämlich nicht schwimmen und hat als Hilfe so eine Schaumgummischlange, wie man sie gerne bei Therapien oder bestimmter Gymnastik, oder auch zum Spaß verwendet.) Tja, und eine meiner Übungen besteht darin, ein Bein unter Wasser nach vorne und nach hinten zu schwingen. Da hätte sich sicherlich etwas machen lassen. Na gut, dem ist er entgangen, er dürfte meine Stimmung wohl bemerkt haben...
Sie ist ein slawischer Typ, wirkt ungepflegt, stylt sich komplett im 80er-Jahre-Stil.Am Samstag saß sie noch am Gang und heulte sich die Augen aus, weil sie so Heimweh hatte. Soweit dazu.
Gestern hatte ich ja ziemlich Kreislaufprobleme war deswegen nicht schwimmen, und da ist mir ziemlich was entgangen (oder erspart geblieben, je nachdem):
(Noch dazu gesagt muss werden, dass beide vormittags oder am Tag zuvor Besuch von ihren Ehepartnern und Kindern hatten. Das macht die Sache noch pikanter.)
Sie war im Schwimmbecken, er kam herein und versuchte es wieder bei der holden Weiblichkeit. Sie ist auf ihn angesprungen wie ein Hund auf den Knochen. Bald waren sie knutschend und fummelnd in einem Eck des Beckens, in das der Aufseher nicht einsehen kann, wenn er nicht extra hingeht. Die ganzen anderen Leute regten sich schon auf oder verließen sogar empört das Becken. Ein paar nahmen es mit Humor und sahen amüsiert zu. Irgendwann musste der Kümmeltürke (Diesen Spitznamen hat er bitte nicht von mir!!!) gehen, und als er aus dem Becken kam, konnte jeder sehen, dass er für seine mickrige Statur woanders ganz schön gut gebaut war...
Zwei Minuten später musste sie auch gehen, fünf Minuten später hörte ich eben jene ominösen Geräusche.
Und bis heute mittags kannte jeder Patient im Haus die Story, alles lacht oder empört sich.
Die betroffenen Zwei scheinen das aber nicht mitzubekommen, oder ihnen ist das Hirn in die Hose gerutscht und ihnen somit alles andere egal. Beim Mittagessen haben sie beide alles blitzschnell hinuntergewürgt und waren schon wieder verschwunden, bevor überhaupt noch alle anderen ihr Essen hatten. Der ganze Saal wusste, was es geschlagen hatte.
Später saß sie im Foyer auf einem Sofa, er ging vorbei, krümmte seinen Zeigefinger, sie sprang auf, hechtete ihm hinterher, und schon waren sie wieder beide im Lift, auf dem Weg in ein Zimmer. Ich bin schon gespannt, ob da nicht bald jemand seine Sachen packen und abreisen muss...Alle Patienten warten gespannt darauf, gerade, dass noch keine Wetten abgeschlossen werden.
Aber zurück zu meinem Tag.
Als die Raumpflegerin fertig war, konnte ich – reichlich beladen mit dem neuesten Tratsch  - wieder zurück in mein Zimmer.
Ich konnte also wieder zeichnen und sticken. Später konnte ich doch noch ins Internet, und so verbrachte ich eigentlich total faul die Zeit bis zum Mittagessen.
Es gab Kalbsrouladen mit Wildreis und Broccoli. Ich bekam überbackenen Broccoli mit Petersilkartoffeln. Ein Essen genau nach meine Geschmack. Vor allem wird hier das Gemüse mit dem Dampfgarer zubereitet, es hat also noch seine ganze Farbe und ist schön knackig. Und mit Käse überbacken ist immer gut...Komischerweise bekomme ich hier öfter etwas Überbackenes, als ich es mich zuhause zu essen getraue (wegen dem Fettgehalt). Aber es dürfte ja auch nicht so einfach sein, für die Vegetarier immer etwas extra zu kochen, Gemüse, das sowieso vorbereitet wird, schnell zu überbacken ist das noch so ziemlich das einfachste. Als Dessert gab es eine Vanillepudding-Joghurtcreme. Die war vielleicht gut, davon hätte ich ruhig noch mehr vertragen können!
Naja, eigentlich nicht, eigentlich war ich pappsatt, denn es gab auch Ronensalat...
Wie schon vorher beschrieben, war unser Sexpärchen (Von Liebe redet man da mal nicht...) sehr bald verschwunden, und alle wussten, was los war.
Ach ja, fast hätte ich es vergessen, eine kleine Episode mit der Schnepfe gab es auch!
Bei uns war wieder die Servierdame, die der Madame schon einmal Einhalt geboten hatte, zuständig. Sie servierte so wie immer, an einem Eck beginnend, sich dann vorarbeitend. Das war ja schon immer Grund für die Schnepfe, sich aufzuregen, weil sie so ziemlich als letzte an ihr Essen kam. Heute hibbelte sie wieder auf ihrem Sessel herum und rief zur Servierein: “Hallo, Schwester, Sie haben mir gestern versprochen, ich würde mein Essen heute nicht als die Letzte bekommen!“
Alles an unserem Tisch lachte. Ich meinte dann so halblaut, sie sei ja eh nicht DIE Letzte, sondern DAS Letzte. Aber so etwas überhört Madame prinzipiell. Die Serviererin (Ich liebe diese Frau!) setzte ihr freundlichstes Lächeln auf und meinte zu der Schnepfe: „Ich habe Ihnen gestern überhaupt nichts versprochen, denn ich war gestern nicht einmal da. Und außerdem haben Sie hier Ihr Essen!“ Und sie gab ihr den Teller. Bevor sie zu uns kam, so war die Schnepfe also quasi die Vorletzte. Wir mussten uns zusammenreißen, dass wir nicht applaudierten!
Als die Servicedame bei uns servierte, meinte Susi zu ihr: „Danke, Schwester!“ Woraufhin die Frau ihren Kopf schüttelte, und fragte, was denn heute los sei, ob das am Wetter liege. Mit einem verhaltenen Grinsen.
Lilly Piratenbraut kann die Schnepfe übrigens auch nicht ausstehen, nur kann sie nicht über sie lachen. Täglich beschwert sie sich über das alte Suppenhuhn, regt sich fürchterlich über das Verhalten auf. Dabei würden die zwei total gut zusammenpassen! Beide halten sich für etwas Besseres, beide legen hohen Wert auf ihr Äußeres, ob nun stilvoll oder nicht. Aber anstatt sich miteinander zu verbünden, sind sie in offene Konkurrenz getreten.
Peter konnte sich auch nicht zurückhalten. Als die Schnepfe sich bequemte den Speisesaal zu verlassen, sagte Peter neben ihr sehr laut: „Es ist unglaublich! Manche Leute halten sich für etwas Besseres, dabei sind sie gar nichts, außer total kaputt im Kopf.“ Aber so etwas hören feine Damen ja nicht, so etwas wird mit hocherhobenem Haupt übergangen.
Apropos Peter, da gibt es auch noch etwas zu erzählen!
Das war wahrlich ein ereignisreiches Mittagessen heute!
Natürlich sprachen wir auch an unserem Tisch über das Sexpärchen. Und über die ganzen anderen Liebespaare, die rundherum so auffallen. Ich dachte mir noch nichts dabei, als Peter völlig entsetzt fragte: „Mehrere Paare? Wie kommt ihr auf das?“ Wir Frauen meinten, man müsse nur Augen und Ohren offen halten, da würde man einiges mitbekommen. Diejenigen, die glauben unauffällig zu sein wären meistens die Auffälligsten. Peter wurde ganz still. Und als wir davon redeten, dass man manche sogar hören konnte, sah er in eine andere Richtung. Susi zog ihn noch damit auf, weil er plötzlich so still geworden war. Und da schoss mir die Erkenntnis ein!
Seit Peter das Zimmer neben mir bewohnt, sind am Nachmittag oder frühen Abend immer so eigenartige Geräusche zu hören. Wie dumpfe Schläge gegen die Wand, man hat dabei auch das Gefühl, dass die Wand wackelt. Hermi meinte, sie höre das bis zu sich hinüber. Die Schläge sind sehr rhythmisch und dauern immer nur ein paar Minuten. Plötzlich war mir klar, wie diese Geräusche entstanden!
Und ich glaube auch zu wissen, wer die dazugehörige Frau ist.
Es gibt hier eine Patientin, die ist beruflich Krankenschwester. Und bildet sich furchtbar viel darauf ein, trägt ihre Nase so hoch, dass sie damit nicht in den Regen gehen darf, weil sie sonst Wasser drin hat. Dabei ist sie nicht einmal hübsch. Wasserstoffgebleichte Haare, um den dunklen eindeutig slawischen Ursprung zu vertuschen. Und die Haare gefärbt in einer „Farbe“ zwischen Karottensaftorange und Katzenpissegelb. Es sieht eklig aus, so als hätte sie ständig Essensreste im Haar. Mir fiel das schon auf, als ich sie das erste Mal sah. Dauerwellen. Und total überschminkt. Sie entstellt sich selbst durch die Schminke. Und wie gesagt, total arrogant. Sie spricht nur mit Leuten, die es ihr wert erscheinen, andere werden nicht einmal gegrüßt. Und Peter hat nun einmal einen Doktortitel...
Die zwei begrüßen sich öffentlich mit „Bussi, Bussi“ und flirten quer durch den Raum miteinander, mit Blicken und Worten. Also, wenn ich mit Peters Frauengeschmack anschaue, dann schäme ich mich dafür, dass ich je denken konnte, ich würde ihm gefallen...
Nun gut, auch das unterhaltsamste und ereignisreichste Mittagessen geht einmal zu Ende.
Gleich danach, um eins, hatte ich die Entspannungsübungen. Das tat ganz gut mit dem vollen Bauch, Yoga hätte ich eh nicht geschafft. Ich schaffte es diesmal zwar, meinen Körper zu entspannen (Meine Gliedmaßen fühlten sich ganz schwer an.), aber mein Geist konnte absolut nicht abschalten. Die ganze Zeit sprangen Bilder vom Kümmeltürken und seiner Latte vor meinem geistigen Auge auf und ab. Grausig!!!!! Und warum hatte ich das im Kopf, das ist für mich doch wirklich kein begehrenswerter Anblick!?
Ich kann mir weitaus Schöneres vorstellen.
Nach den Entspannungsübungen konnte ich nur kurz ins Zimmer, um mich umzuziehen, denn bereits um 14.30 musste ich zur Unterwassergymnastik.
Diesmal war das Becken wieder extrem voll, bei Übungen, die man am Rand machen musste, hatten kaum alle Platz. Vor mir war die Piratenbraut. Wer auch immer behauptet hatte, diese Frau wäre sehr intelligent, muss sich geirrt haben. Die kapierte manche Übungen nicht. Und auch nicht, dass sie sich vielleicht dort an den Rand stellen sollte, wo noch Platz ist, und sich nicht in eine Enge hineinquetschen. Auch so beim Schwimmen ist sie nicht ganz koscher. Wenn alle in eine Richtung schwimmen, muss sie immer quer unterwegs sein. Ein paar Male schon hätte sie mich fast gerammt. Ich war am Beckenrand mit meiner Gymnastik beschäftigt, kommt sie daher und parkt ihren Luxuskörper ganz nah bei mir, sodass ich mit meinen Übungen aufhören musste.
Es gibt hier einen Mann mit einer Beinprothese, der geht täglich zwei Stunden im Wasser. Er hat dabei seine Brille nicht auf, sieht sehr schlecht. Wenn der an mir vorbeikommt, dann höre ich freiwillig auf und zieh meine Extremitäten ein, weil er mich einfach nicht sieht und auch immer sehr, sehr knapp an mir vorbeigeht. Aber das ist etwas anderes, er sieht sehr schlecht, er kann nicht anders, da hat man Verständnis. Nur die Megabarbie, die scheint einfach nur dämlich zu sein. Ob sie nun fünf Sprachen sprechen kann oder nicht, mit dem Hausverstand ist es jedenfalls nicht weit her.
Nach der Gymnastik blieb ich noch im Wasser und machte die Übungen weiter. An Schwimmen war wegen der Überfüllung nicht zu denken. Ich mag nämlich wegen der Belastung für die Halswirbelsäule kein Brustschwimmen, und andere Stile waren nicht möglich, weil ich ständig jemanden gerammt hätte. Was Tangalilly egal war, die zog ihre Runden ohne Rücksicht auf Verluste...
Irgendwann kam auch unser Sexpärchen ins Bad, und man konnte beobachten, wie alle vor denen zurückwichen. Jeder beobachtete sie. Die beiden müssen das ja gemerkt haben. Der Kümmeltürke verzog sich in die Sauna, sie blieb zurück. Peter unterhielt sich mit ihr. Ich hatte kein Interesse, mich mit irgendjemanden zu unterhalten, wie immer, wenn ich im Wasser bin, und machte meine Übungen weiter. Langsam leerte sich das Becken, ich hatte Platz, ein paar Runden zu schwimmen. Als der Sextyp aus der Sauna zurückkam, verließ sie das Bad. Zwei Minuten später war er ihr schon hinterher.
Mich beeindruckte das wenig. Sollen die Sex haben, soviel sie wollen, solange sie dabei still sind. Anhören muss ich mir das echt nicht, das ist zuviel des Guten!
Um dreiviertel vier stieg ich aus dem Wasser, denn um vier hatte ich Yoga.
Ich glaube nicht, dass ich mir nur einbilde, beweglicher zu werden. Manche Übungen brachte ich wirklich besser zustande als am Anfang der Kur. Leider war das heute meine letzte Yogaeinheit, denn morgen entfällt es. Aber ich werde mir die angebotenen Unterlagen holen und zuhause weitermachen. Nehme ich mir halt einmal vor.
Ich weiß nicht so genau Bescheid über das Prinzip, das hinter Yoga steht. Wird wohl irgendwas mit Energieflüssen und solchem Kram zu tun haben. Aber das interssiert mich nicht. Ich interessiere mich für die Übungen an sich. Wenn sie angeblich irgendwelche Energien freisetzen und die Erdverbundenheit stärken oder Berge versetzen können, das ist das nichts für mich, das ist eindeutig unchristlich. Aber die Bewegungsübungen an sich sind gut, weil sie auf sanfte Art die Muskeln dehnen und mich beweglicher machen. Und nur deshalb möchte ich das zuhause weiterführen. Vielleicht bringt es ja doch etwas.
Nach dieser Einheit war ich ziemlich müde, bis zum Abendessen hatte ich noch etwas Zeit. Die nutzte ich, um mich wieder meiner Lektüre zu widmen. Und um die Karte an meinen Schatz fertigzustellen. Zuvor stelte ich mich aber noch auf eine Waage. 153,9 Kilo. Das wäre gut, dann hätte doch noch ein gutes Stück abgenommen! Aber morgen werde ich sowieso gewogen, da werde ich es dann genau wissen.
Als Essen gab es süßen Hirseauflauf mit Erdbeersauce.  Da haben einige gestreikt, die bekamen Schinkenfleckerl. Ich muss sagen, inzwischen mag ich auch keine Süßspeisen mehr als Hauptmahlzeit. Sie verleihen meinem Magen zwar ein Völlegefühl, aber sie stillen definitiv nicht meinen Appetit. Nach einer Süßspeise habe ich immer das Gefühl, ich muss noch etwas essen, denn das war ja keine "richtige Mahlzeit". Insofern kann ich nun meinen Mann verstehen, der immer sagte, Palatschinken oder Kaiserschmarren seien für ihn kein richtiges Mittagessen. Mir kommt auch vor, dass nach so einer Mahlzeit bereits nach einer Stunde wieder der Magen knurrt.
Die Kreativtherapie stand wieder am Programm. Heute kamen Hermi und Susi wieder mit. Hermi hatte das letzte Mal Glücksbringerfiguren ausgestochen, die malte sie heute an. Susi hatte auf dem Adventmarkt Keramikvögel gesehen, die hatten ihr so gut gefallen, dass sie gleich einen machen musste. Und sie bekam den wirklich gut hin. Ich war mit meinen Krippenfiguren fertig, also machte ich aus Ton in Terracottafarbe noch ein paar Schmuckperlen. Zuhause werde ich sie bemalen und auf eine schöne Schnur fädeln, dann habe ich bereits ein modisches Weihnachtsgeschenk für meine Schwägerin. Eigentlich verschenke ich ja keinen Schmuck, aber manchmal ist es wirklich sehr schwer, für jemanden was Passendes zu finden. Vor allem, wenn er eigentlich alles hat und selber mehr Geld als ich. Ich hatte sie ja schon gewarnt, dass wir heuer nur selbstgemachte Sachen verschenken, sie fand das gut. Das hat sie nun davon...Das mit den Weihnachtsgeschenken ist sowieso so eine Sache, lange habe ich dafür ja nicht mehr Zeit. Ich will gar nicht daran denken!
Judith und Sieglinde kamen auch kurz vorbei, um ihre Sachen abzuholen. Dabei luden sie Susi und mich für einen „Abschiedsumtrunk“ für morgen abend ein. Da bin ich sicherlich dabei. Es wäre zwar auch Kreativtherapie, aber ich binmit allem fertig und was Neues anfangen kann ich eh nicht. Also werde ich nur meine getrockneten Kunstwerke abholen, meine Spende in die Kasse werfen und mich verabschieden. Und dann geht es rund! Mehr oder weniger.
Zurück im Zimmer war ich zu aufgewühlt um gleich ins Bett zu gehen. Also hörte ich  Musik und schrieb einen Brief an meinen Liebsten. Einen weiteren...

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Tag 20

Aflenz, 27.11.2007

Tag 20 – Matratzenhorchdienst in Action

Aus irgendeinem Grund habe ich schlecht geschlafen und mies geträumt. Morgens erwachte ich mit starken Verspannungen im Schulterbereich.
Da ich wusste, dass ich um dreiviertel sieben in der Ambulanz sein musste, stellte ich den Wecker auf 5.45 Uhr, damit ich ja rechtzeitig aufkäme. Im Endeffekt stand ich aber sehr leicht auf und war um halb sieben bereits abmarschbereit. Das traf sich gut, denn so konnte ich vor meinem Ambulanztermin noch schnell zum Postkasten in der Lobby eilen und einen Brief einwerfen. Außerdem konnte ich in Ruhe meinen Blutdruck messen, Minuten später wurde die Messstation von den anderen Patienten gestürmt, die heute ihre Zwischen- oder Abschlussuntersuchung hatten.
Gewogen wurde ich heute auf der selben Waage wie bei meiner Erstuntersuchung, was ich sehr gut fand, denn so konnte man die zwei Werte wirklich in einen Vergleich zueinander setzen. Es ist ja doch so, dass jede Waage ein wenig anders tickt, weshalb man sich immer auf derselben wiegen sollte.
Aufgeregt stellte ich mich also auf das Teil beobachtete gespannt die digitale Anzeige.
Und ich glaubte meinen Augen kaum, sie „pendelte“ sich bei 152,3 Kilogramm ein. Das bedeutete, dass ich 5,1 Kilogramm abgenommen hatte! Wenn das kein Erfolg ist!
Es gibt hier zwar jede Menge Leute, die sagen, sie hätten schon in der ersten Woche über sieben Kilo abgenommen, Peter hat in drei Wochen angeblich 12 Kilo abgenommen, aber erstens ist das deren Sache, und zweitens sind ja bei jedem Menschen die Umstände anders. Peter zum Beispiel macht hier absolut nur seine Therapien, den Rest des Tages sitzt er in der Lobby und quatscht. Er geht nicht spazieren, nicht schwimmen, gar nichts. Er hat seine 12 Kilo also nur mit der Ernährungsumstellung verloren. Da kann man sich  ja vorstellen, wie er sich vorher ernährt hat. Bei mir macht das schon den Unterschied, dass ich schon vor der Kur mich größtenteils gesund ernährt habe. Es war nur noch die Menge das Problem. Und der Bewegungsmangel.
Aber ich bin schon zuhause nicht nur gesessen. Ich habe einen sehr körperlichen Beruf, ich arbeite am Haus, ich gehe mit dem Hund spazieren. Viele, die hierher kommen, haben gar keine Bewegung mehr gemacht außer den Finger an die Fernbedienung zu legen, hier sitzen sie jeden Tag an den Fitnessgeräten, kein Wunder, dass da gleich einmal die Kilos rasseln.
Und, was noch dazukommt: Zu Beginn jeder Diät oder Ernährungsumstellung scheidet der Körper viel Wasser und Schlackenstoffe aus. Weswegen man zu Beginn sehr schnell einiges an Gewicht verliert, danach verlangsamt sich das aber, weil es an die Fettmasse geht. Ich habe nicht erst hier mit dem Abnehmen begonnen, ich habe mein Wasser und meine Schlacke zuhause gelassen.
Das klingt jetzt alles nach Ausreden dafür, dass ich nicht so viel abgenommen habe wie andere. Aber es sind einfach Überlegungen und Tatsachen. Auch für mich Erklärungen. Und Ermunterungen, nicht enttäuscht zu sein.
Noch ein Gedanke kommt mir das: Viele Leute hier haben – auch auf ihre Körpergröße gerechnet – viel mehr Ballast als ich mitzuschleppen. Peter zum Beispiel ist einen Kopf kleiner als ich und hatte über 200  Kilogramm. Ich denke mir, dass bei diesem Gewicht sich schon jede Bewegung besser auswirkt als bei mir. Glaube ich nun einmal, Beweise habe ich dafür keine.
Das Witzige ist, dass meine Hausärztin, als wir über die Kur gesprochen hatten, meinte, ich würde so an die fünf Kilo abnehmen. Die ist wohl Hellseherin.
Gleich nach diesem kleinen Teilerfolg (denn ich gehe einmal davon aus, dass es zukünftig zuhause auch ein paar davon geben wird) ging es zum Frühstück. Gut gelaunt schaufelte ich Müsli (Von dem ich wie immer prompt wieder Durchfall bekam, meine Laktoseintoleranz scheint keine Einbildung zu sein.) und Kiwi in mich hinein.
Als ich danach mein Obst ins Zimmer brachte, lief ich der Raumpflegerin, mit der ich letztens so lange über ihre Schwester geredet habe, in die Arme. Prompt fing sie wieder von ihrer Schwester zu reden. Mir tut die Frau ja leid, sie macht irrsinnig viel mit. Wenn ich mir vorstelle, meine Schwester wäre so krank und kurz vor dem Sterben, dann würde ich wahrscheinlich durchdrehen vor Kummer. Aber trotzdem – ich bin quasi eine Wildfremde, ich habe überhaupt keinen Bezug zu der Familie, was soll ich machen? Zuhören, damit sie sich ausweinen kann? Ja, okay, aber das halte ich eine Weile aus, dann nicht mehr. Wenn sowieso nur mehr ständig dasselbe kommt, was soll ich dann tun? Immer dieselben tröstenden Worte klingen auch schal.
Zum Glück musste ich zur Massage und hatte so eine Ausrede, dem Thema zu entkommen.
Diese Massage hatte ich bei einem Therapeuten, bei dem ich zuvor noch nie war. Er knetete meinen Rücken sehr fest, was recht gut tat. Danach war meine Verspannung wie weggeblasen. Außerdem redete er nicht dabei, was ich sehr genoss. Erst als ich einen Kommentar über einen Bericht im Radio von mir gab, entspann sich ein Gespräch. Alles in allem sehr relaxende 20 Minuten!
Nun traute ich mich nicht mehr in mein Zimmer zurück, weil ich da wieder geradewegs in die Arme der besagten Raumpflegerin fallen würde. In weiser Voraussicht hatte ich mir Lektüre mitgenommen. Nun zog ich mich in einen Nebenraum der Lobby zurück und wollte schmökern. Eine Zeit lang ging das gut, aber dann kam ein älterer Mann in den Raum, der die ganze Zeit mit mir quatschen wollte. Das Problem dabei war, dass er sehr undeutlich sprach. Er machte Witze, über die er selbst lachte, die ich aber akustisch nicht verstand. Mir war der Typ schon öfter aufgefallen. Ich vermute seinem Gang und seiner Aussprache nach, dass er einen Schlaganfall hatte. Ich versuchte wirklich, mich eine Weile mit ihm zu unterhalten, aber neben seiner verwaschenen, stark dialektverfärbten Aussprache kam noch hinzu, dass er Gedankensprünge machte, sodass ich irgendwann wirklich nicht mehr mitbekam, wovon er nun eigentlich sprach. Mein höfliches Interesse war mit der Zeit immer mehr geheuchelt. Zum Glück kam irgendwann ein zweiter Mann hinzu, der sich dann mit dem ersten unterhielt. So hatte ich wieder meine Ruhe.
Als es neun war wusste ich, dass die Raumpflegerinnen Pause haben, also ging ich in mein Zimmer, um mir ein paar Dinge zu holen. Dann war ich noch in der Ambulanz, weil ich eine etwas peinlich Frage stellen musste: Ich hatte in meinem unausgeschlafenen Gehirn die Zahlen vermurkst und wusste nicht mehr, ob es  morgens 153,2 oder 152,3 Kilogramm gewesen waren! Mein Kopf muss hochrot gewesen sein, denn so dämlich muss man einmal sein, dass man sich das nicht merkt! Keine der vier anwesenden Schwestern ließ sich etwas anmerken, aber innerlich zerkugelten sie sich sicherlich, mir war das so peinlich! Es waren 152, 3 Kilo.
Um viertel elf hatte ich einen Termin bei meinem Arzt, ich war bereits um dreiviertel zehn dort. Als ich zu der Ordination kam, bekam ich einen Schrecken, denn dort warteten bereits etwa zehn Leute, darunter auch der Nuschler von vorhin. Aber es stellte sich heraus, dass die alle zum Primar wollten, auf „meinen“ Arzt wartete von denen niemand. Selbiger tauchte um zehn auf und ich kam gleich dran. Er begrüßte mich mit meinem Namen. Ich war mich nicht so ganz sicher, ob das nun gut oder schlecht war. Entweder war er sehr aufmerksam und hatte ein gutes Gedächtnis. Oder ich war ihm bereits so sehr auf den Wecker gegangen, dass er meinen Namen notgedrungen noch wusste. Falls Letzteres zutraf, ließ er es sich zumindest nicht anmerken, er war sehr freundlich. Das Abschlussgespräch sah so aus, dass er mich fragte, wie es mir denn ginge. Und dass er sich meine Werte noch einmal ansah, mir erklärte, dass man die Fieberblasensalbe am besten auftragt, wenn das erste Kribbeln spürbar ist und meinte, meine minimal erhöhten Harnsäurewerte könne man mit einer entsprechenden Diät leicht in den Griff bekommen. (Pikantes Detail am Rande: Durch einen Vortrag weiß ich, wie diese Diät aussehen sollte: So wenig Fleisch wie möglich. Sehr witzig!) Dann sprachen wir über meine Gewichtsabnahme, wobei er irgendwas sagte in der Richtung wie: Jetzt würde ich eben noch nichts so stark merken, aber in so zwei Jahren würde ich schon Erfolge verspüren. Ich glaube zu wissen, was er meinte, aber klar ausgedrückt hat er sich nicht, im ersten Moment dachte ich  mir nur: „Hä???“
Er druckte mir noch einen Kurzarztbrief aus (der so wenig Neues für meine Ärztin enthält, dass ich ihn eigentlich wegwerfen könnte), reichte mir die Pfote und wünschte mir alles Gute.
Das war´s, ich war frei! *lol*
Auf dem Weg zurück ins Zimmer begegnete mir Judith. Sie meinte, sie habe was für mich und schrieb mir ihre Adresse und Telefonnummer auf. Wow, ich fand das total lieb. Mit ihr und auch Sieglinde will ich sicherlich in Kontakt bleiben. Mit Susi sowieso! Nun von Hermi will ich eigentlich nichts mehr sehen und hören. Die letzten drei Tage redete sie kaum noch über die Familie, dafür zog sie (wieder einmal) über Dicke und Ausländer her. Über Übergewichtige machte sie Bemerkungen, bei denen ich mir echt dachte, gleich springe ich ihr ins Gesicht. Und jeder Ausländer ist für sie ein schlechter Mensch, gleich vollautomatisch. Auch, wenn er nur ausländisch aussieht. Nein danke, mit solchen vorurteilszerfressenen Doppelmoralmenschen kann ich nichts anfangen. Ich bin ehrlich froh, wenn ich mir ihre tägliche Litanei nicht mehr anhören muss. Auch mit Peter will ich – anders als zuerst gedacht – keinen weiteren Kontakt. Er entpuppte sich in letzter Zeit als arroganter Wichtigtuer. Anfangs war er freundlich und redete und lachte mit uns, aber anscheinend sind wir mittlerweile unter seinem Niveau. Er dreht sich beim Essen von uns weg und spricht auch kaum noch ein Wort mit uns. Anscheinend haben wir es in seinen Augen nicht anständig gewürdigt, daß er sich über das für Kurgäste geltende Autofahrverbot hinwegsetzte und mit einigen anderen in der Gegend herumkutschierte.
Und bei Heinz wüsste ich nicht, was ich schreiben sollte. Von ihm weiß ich nicht mehr, als dass er bei seiner Mutter lebt und vor seinem Schlaganfall Programmierer war.
Zurück im Zimmer schrieb ich den Eintrag für gestern. Als ich damit fertig war, war es ohnehin schon Zeit zum Essengehen.
Für heute standen faschierte Laibchen mit Püree und Mischgemüse am Programm. Ich liebe Kartoffelpüree, auf das freute ich mich schon seit Tagen. Ich war schon ganz hibbelig vor lauter Vorfreude, und was bekam ich? Kartoffellaibchen mit Tsatsiki. Nicht, dass das nicht gut gewesen wäre, das Tsatsiki war sogar sehr knoblauchig, aber ich wollte doch Püree! Peter regte sich darüber auf, dass sein Faschiertes so wenig wäre. Ich wäre mit seinem Hocker Püree zufrieden gewesen. Naja, man kann nicht alles haben. Bald bin ich ja zuhause, dann kann ich mir welches machen, jeden Tag.
Uns allen fiel auf, dass unser Sexpärchen sich unauffällig verhielt. Die beiden sahen einander nicht einmal an. Entweder hatten sie sich zerstritten oder sie haben einen auf den Deckel bekommen. Egal, Gesprächsthemen hatten wir genug, wir brauchten die zwei nicht. Wobei alle am Tisch mitredeten, auch Heinz, nur – wie bereits die letzten Male auch – Peter nicht. Er wandte sich demonstrativ ab, streute nur dann und wann eine Bemerkung ein. Keine Ahnung, was in den gefahren war, vielleicht sind wir ihm nicht mehr gut genug. Je näher ich ihn kennenlerne, umso mehr denke ich mir, dass er ein komische Type ist. Die Sympathie, die anfangs vorhanden war, ist komplett verflogen. Ich weiß ja nicht, wie er über mich denkt, aber wahrscheinlich ähnlich wenig gut wie ich inzwischen über ihn.
Nach dem Essen (Als Dessert gab es Obstsalat.) der großen Enttäuschung wollte ich mich ein wenig hinlegen, um später in die Sauna und schwimmen zu gehen. Termine hatte ich keine mehr. Ich legte mich also aufs Bett, die obligatorische Musik im Ohr. Ich döste so dahin, bis mir die Musik zu viel wurde und ich den Player ausschaltete. Und als ich wieder aufwachte, war es draußen bereits dunkel.
Schockiert sprang ich aus dem Bett, ich sah auf die Uhr – es war dreiviertel fünf!
Ich vermute mal, dass ich einigen Schlaf nachzuholen hatte. Was ich jedoch nicht so ganz verstehe, denn an Stunden habe ich hier Schlaf genug, selbst wenn ich um elf ins Bett gehe immer noch sieben. Aber anscheinend schaffen mich das ganze Programm und die Umgebung hier.
Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich meine Sinne wieder beieinander hatte. So war ich heute nicht spazieren (Bei dem Sauwetter ohnehin kein Vergnügen, Schnee und Grau in Grau.), nicht in der Sauna und nicht schwimmen. Ein wenig ärgerte ich mich darüber, aber andererseits ist Schlaf auch etwas sehr Wichtiges. Er wird als Energie- und Lebenszeitressource von den meisten Menschen ziemlich unterschätzt.
Bis es Zeit zum Abendessen war wurde ich wenigstens wieder ganz munter. Munter wurde ich auch durch den Krach im Nebenzimmer. Es hörte sich an, als würde Peter die ganze Einrichtung zerschlagen. Ich dachte mir nur, dass der gute Mann etwas heftig seinen Koffer packt. Mir kam auch vor, dass ich immer wieder ein verhaltenes Stöhnen hörte. Kofferpacken kann anscheinend anstrengend sein.
Diesmal gab es Ratatouille und überbackenen Polenta zum Essen. Ich hatte dieses Gemüsegericht vorher noch nie gegessen, aber es stellte sich heraus, dass es nicht viel was anderes ist als mein Zucchinigulasch zuhause. Nur mit weniger Zucchini. Aber sehr, sehr lecker, so etwas könnte ich ehrlich kiloweise essen. Bei solchen Gerichten wird es auch daheim schwierig sein, mich an die kleinen erlaubten Mengen zu halten. Aber wenn ich keinen Sterz dazumache, dann kann ich ja mehr vom Gemüse essen...
Hermi fragte Peter, ob er denn schon gepackt hätte, was er verneinte. Da wurde ich hellhörig. Was hat er dann in seinem Zimmer gemacht? Es wurden eindeutig schwere Sachen hin- und hergeschoben, Dinge auf den Boden geworfen, gegen die Wand geschlagen. Entweder log er nun und hatte doch bereits gepackt, oder er hatte sehr heißen Abschiedssex...
Nach dem Essen standen Susi und ich vor dem Problem Hermi loszuwerden. Judith hatte mir gesagt, das mit den anderen für unseren „Ausflug“ abends noch nichts Konkretes in Sachen Zeit geplant war, aber dass sie ansonsten immer so um sieben losgingen.
Wir hatten also noch Zeit und schauten in der Kreativgruppe vorbei. Ich nahm meine Sachen mit, bedachte die Kasse mit einem kleinen Betrag und bedankte mich beim Leiter für die liebevolle und professionelle Hilfe. (Der ist total süß, ein Mann in den besten Jahren, der Humor versteht, sehr geduldig und hilfsbereit ist und bis über beide Ohren strahlen kann.)
Unser Therapieplan musste auch noch geholt werden, und dann ging es auf ins Zimmer. Blitzschnell zog ich mich um und ging zu Susi. Die hatte gar nicht so richtig mitbekommen, was wir nun eigentlich vorhatten, zog sich aber auch um und ging mit mir in die Lobby. Als wir unten waren  war es dreiviertel sieben. Wir setzten und auf ein Sofa in Eingangsnähe und warteten. Und warteten. Und warteten. Die anderen waren anscheinend schon gegangen, denn es kam keiner daher. Susi und ich wollten aber auch nicht wirklich allein in den Nachbarort nachgehen, also holten wir uns Automatenkaffee, machten es uns auf der Couch bequem, beobachteten die Szenerie und sprachen über die Welt (Gott ließen wir diesmal aus dem Spiel.)
So kamen wir drauf, dass das Personal über unser Sexpärchen Bescheid weiß, denn der Portier sprach mit einer Besucherin darüber. Und er meinte auch, dass es zur Zeit besonders krass zuginge wie schon lange nicht mehr. Ich hatte mich also nicht getäuscht, als ich meinte, hier würde es zugehen wie im Puff.
Der Kümmeltürke kam daher und drückte sich in der Lobby herum. Ging hinaus ins Freie, kam wieder herein, sprach mit ein paar Leuten. Sie drückte sich herum, sprach mit Leuten, die beiden sprachen jedoch nicht miteinander. Irgendwann begleitete er eine Frau hinaus, kam aber gleich wieder herein. Dann ging sie mit dem Nuschler hinaus, zwei Minuten später folgte der Kümmeltürke in seinen aufpolierten Cowboystiefeln. Noch auffälliger wäre das ja wohl kaum mehr möglich gewesen.
Da machte es unser anderes Pärchen, über das jeder Bescheid weiß, besser. Die gingen hochoffiziell gemeinsam außer Haus, er mit einer vollen Reisetasche in der Hand. Ich wusste gar nicht, dass es in Aflenz ein Stundenhotel gibt...
Susi und ich amüsierten uns eine ganze Weile, dann gingen wir zurück in unsere Zimmer, beide hatten wir das Bedürfnis mit unseren Männern zu telefonieren.
Na, ich habe mit meinem auch eine gute Stunde gequatscht, bevor ich ihn ins Bett geschickt habe.
Ich sitze nun hier und tippe seit beinahe zwei Stunden. Ich muss meine Tipptechnik verbessern, das ist ja der Wahnsinn, wie lange ich bei ein paar Seiten sitze!
So, es ist nun viertel zwölf und ich bin schon wieder müde. Also noch ab unter die Dusche und dann in die Heia.
Gute Nacht!

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Tag 21

Aflenz, 28.11.2007

Tag 21 – der letzte Tag oder Abschlussrunde

Letzte Nacht konnte ich nicht und nicht einschlafen. Ich hatte noch die Stickarbeit für meine Schwiemu fertig gemacht (nun endgültig) und ein wenig gelesen, aber der Schlaf wollte sich nicht und nicht einstellen. Bis etwa zwei Uhr habe ich mich hin und her gedreht und höchsten zwischendrin mal kurz gedöst. Kurz hatte ich auch so etwas wie eine kleine Panikattacke, ich war anscheinend blöd gelegen und hatte mir die Lunge zusammengequetscht, denn ich hatte das Gefühl, ich bekäme zu wenig Luft. Mein Herz schlug bis in den Hals. Ich machte daraufhin ein paar Entspannungsübungen, es wurde besser, aber einschlafen konnte ich deswegen nicht. Um etwa zwei Uhr habe ich das letzte Mal auf die Uhr gesehen, dann dürfte ich wohl endlich ins Reich der Träume hinübergewandelt sein.
Dem wenigen Schlaf entsprechend kam ich morgens schwer auf die Beine. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich mich endlich aus dem Bett gewälzt hatte, irgendwie tappte ich mit geschlossenen Augen ins Bad. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber nach nicht einmal zehn Minuten war ich fertig angezogen, frisiert und abmarschbereit.
Bevor ich zum Frühstück in den Speisesaal gepilgert bin, warf ich noch den ausgefüllten Feedbackbogen in den dafür vorgesehenen Kasten, dann machte ich mich auf in Richtung Futtertrog. Dort fragte ich gleich einmal die Servicedamen, ob ich morgen statt dem fälligen Müsli ein normales Frühstück haben könnte. Ja, geht klar. Ich habe gefragt, ob sie nicht Zimmernummer oder Namen brauchen. Meinte die eine (die der Schnepfe so Paroli bietet), das sei nicht nötig, das sei schon bekannt.
Ich sah erstaunt auf meinte „Oha!“ Aber sie lachte nur und meinte, das wüssten sie von allen. Ja klar, die gehen ja beim Essenausteilen nach den Zimmernummern vor, da merkt man sich irgendwann das Gesicht dazu.
Zufrieden ging ich zu meinem Tisch, wo ich sah, dass ich Wurst zu meinem Brot am Teller hatte.
Also schnappte ich mir seufzend den Teller und musste wieder die Servicelady belästigen, was mir schon peinlich war. Aber sie meinte nur „Ach ja, Sie kriegen ja gar keine Wurst!“ und gab mir stattdessen Käse.
Das Frühstück war dann recht friedlich (vom ewigen Gejammer von Hermi abgesehen), wir drei Frauen allein am Tisch. Und wir mussten und von Judith und Sieglinde verabschieden, das war traurig. Heinz und Peter fuhren auch heim. Keiner mehr, für den ich jeden Tag mittags einen Extrasalat holte. Und keiner mehr, der abends gegen die Wand pumpert...
Bald danach wurde ich vom Grabscher massiert. Genau das Richtige als Trost für den letzten Tag!
Eine Stunde lang war ich dann im Zimmer und begann gemütlich, Laden und Kästen auszuräumen. Da das Wetter einfach herrlich war – bereits beim Aufstehen konnte man erkennen, dass es ein klarer, sonniger Tag werden würde – zog ich mich winterfest an und ging spazieren. Wieder meine Lieblingsrunde. Mit ein bisschen Schaufensterbummel und ein paar kleinen Einkäufen war ich knapp eineinhalb Stunden unterwegs. Was mich verwunderte, denn ich war doch recht lange mit „Shopping“ beschäftigt, und die Strecke habe ich letztes Mal in „Speedwalking“  in 40 Minuten geschafft. Heute habe ich eine Weile beim Schlecker gestöbert, dann ein paar Antiquitäten begutachtet, weil ich nach einem Geschenk für meinen Liebsten gesucht habe, dann war ich in der „Patchworksstube“ ein Souvenir kaufen, habe mir unterwegs ein paar Schaufenster genauer angesehen, und eigentlich kam mir vor, dass ich eher schlendere als gehe. Aber anscheinend habe ich hier eine gute Kondition aufgebaut, sodass es mir gar nicht mehr auffällt, wenn ich schnell gehe. Wenn es stark bergauf geht komme ich schon noch außer Atem, aber ansonsten wage ich zu behaupten, dass ich recht flott unterwegs bin. Na, da hat die Kur doch mehr als nur das Abnehmen gebracht!
Als ich beim Spazieren an meinem Aussichtspunkt war und das ganze Tal in seiner sonnenbeschienenen Schönheit überblicken konnte, kam ein komisches Gefühl in mir auf. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich diesen Anblick zum letzten Mal genießen konnte. Ich atmete das Bild direkt ein, die frischverschneiten (15 cm Pulverschnee!) Felder und Wiesen, der blaue Himmel, der von den Bergen aufsteigende Nebel, all das wird mir doch irgendwie abgehen. Ich bin eben absolut ein Kind der Natur. Aber zuhause habe ich es auch sehr schön, mit Blick ins Rosental und auf die Karawanken, mit wunderschönen Spazierwegen in einer almähnlichen Umgebung. Was will der Mensch mehr? (Na ja, ein paar Sachen würden mir dann schon doch noch einfallen... )
Beim Weggehen habe ich übrigens noch den männlichen Part unseres Liebespaares gesehen, er wurde gerade von seiner Lebensgefährtin abgeholt. Die war die ganze letzte Woche im Ort und hat hier Urlaub gemacht. Ich frage mich, was er und der weibliche Part dann gestern abend mit der vollen Reisetasche vorhatten, einen Dreier vielleicht... *zensiert*
Als ich zurückkam, stopfte ich eine Partie dunkle Wäsche in die Waschmaschine. Abends kam noch eine Partie helle dran, so komme ich mit Taschen voll sauberer Wäsche nachhause. Sehr praktisch!
Und die Zeit bis zum Mittagessen nutzte ich zum Bibelstudium.
Mittags hatten wir – mit leichter Verspätung – bereits einen neuen Herrn am Tisch. Für Susi muss ich leider sagen – da sie ja noch eine Woche da ist – dass der Mann nicht ganz frisch am Oberstübchen zu sein scheint. Zuerst habe ich sein Verhalten auf Scheu und Angst geschoben, aber später hat er bewiesen, dass er entweder überhaupt keine Manieren hat oder tatsächlich nicht ganz frisch ist. Aber dazu später mehr.
Er kam an den Tisch, wir waren bereits mitten im Essen, setzte sich mit Winterjacke und Schirmkappe und grüßte nicht einmal. Seine Kappe nahm er auch nicht ab. Meine Lieblingsservierlady brachte ihm das Essen und erklärte, dass er sich den Salat vom Buffet holen kann. Seine Antwort: „Ja.“ Daraufhin fragte sie ihn, ob sie ihm vielleicht einen Salat holen soll. „Ja.“ Ob er den grünen wolle. „Ja.“ Schwarzwurz und Fisolen wären auch da. „Ja.“
Also brachte sie ihm eine Auswahl von allem. Von ihm kam aber kein Danke. Er war auch nicht fähig, die Salatschüssel so hinzustellen, dass er bequem essen konnte. Lieber griff er mit seiner rechten Hand quer über den halben Tisch um dorthin zu gelangen, wo sie ihm das Schüsserl hingestellt hatte. Bei jedem Bissen. Und noch bevor das Essen gekostet wurde, wurde fleißig nachgewürzt. Da er den Knoblauch für Salz hielt mit jeder Menge Knoblauchpulver. Dann stand er einfach auf und ging. Ohne ein Wort. Susi griff sich nur an den Kopf.
Dafür wurde ich wieder lästig. Als Dessert (nach einem Lammeintopf mit Bröselknödel, ich bekam Tofu statt Lamm) gab es nämlich ein Beerengelee und ich fragte die Servierlady, ob das mit Gelatine gemacht sei. Ich wollte gar nicht, dass sie mir etwas anderes bringt, ich wollte es nur wissen und hätte halt kein Dessert gegessen (Dafür hatte ich eh unverschämte zwei Schüsseln Salat...). Aber sie meinte nur „Ach ja, das essen Sie nicht. Möchten Sie etwas anderes? Ich könnte ein Kompott bringen.“ Und schon bekam ich ein Apfelkompott. Mir war das schon so unangenehm, dass ich immer so lästig bin, aber sie meinte, das mache nichts, das sei nicht lästig.
Ich vermute einmal, dass man hier nicht viel Erfahrung mit Vegetariern hat. Was mich wundert, denn Vegetarismus ist schwer im Vormarsch. Aber der Großteil der Leute, die hier sind, kommen zum Abnehmen. Sind also Leute, die sich ungesund ernähren. Und da wohl kaum Vegetarier sind...
Nach dem Essen habe ich nicht viel gemacht, ein wenig zusammengepackt, ein wenig ausgemistet und mit meinem Schatz telefoniert.
Um halb drei hatte ich Unterwassergymnastik. Heute waren wir angenehm wenig Leute, nur neun, sodass jeder genügend Platz hatte. Und wieder fiel mir auf, dass Lilly Piratenoma mit den Übungen überfordert war. Sie mag ein Talent für Sprachen haben, aber sie weiß nicht, wie der Uhrzeigersinn geht, wie man sich umdreht, die Richtung wechselt oder die Arme unter Wasser vor und zurück bewegt. So langsam habe ich Mitleid mit ihr. Ich habe nämlich ihren Umgang mit Männern beobachtet, die gute Frau hat wirklich den krankhaften Drang sich allem Männlichen  (Im Buch Samuel würde das heißen: „Allem, was gegen die Wand pisst.“) gegenüber aufzuspielen, in Szene zu setzen. Dadurch wirkt sie total künstlich. Megabarbie eben.
Ich blieb nach der Gymnastik noch im Becken, bald schon waren wir nur mehr zu dritt, und nutzte die Zeit, um mich noch ein wenig fitter und ein wenig beweglicher zu machen.
Um vier hatte ich auch genug (Unter anderem nervte mich die Tatsache, dass mir während meines Aufenthaltes hier mein Badeanzug zu groß wurde und nun schlackerte und sich dauernd zwischen meine Pobacken verzog. Eigentlich ja gut, weil es heißt, dass ich merklich abgenommen habe, aber während dem Schwimmen stört es. Außerdem wollte ich Rückenschwimmen, aber eine ältere Frau furzte unentwegt, was ich mit meinen Ohren im Wasser extrem gut wahrnahm...) und ging in mein Zimmer, um weiter zu packen und mit meiner Schwester zu telefonieren. Ich habe ihr abgesagt, ich fahre morgen nicht nach Graz, sondern direkt nachhause.
Nachhause. Hört und fühlt sich irgendwie komisch an. Drei Wochen sind doch eine lange Zeit, nun bin ich hier ziemlich eingewöhnt, verlasse alles und kehre in Gewohntes zurück, das fast ein bisschen fremd wurde. Morgen werde ich meinen Süßen wiedersehen, das kann ich noch kaum fassen. Das erinnert mich an alte Zeiten, als er in Klagenfurt lebte und ich in Graz. Alle paar Wochen mal haben wir einander für ein Wochenende gesehen. Das waren Zeiten! Ich möchte sie nicht wieder erleben. Jeder, der von der „guten alten Zeit“ redet, hat sie nicht alle!
Aber ich will da nicht über die Jugend und ihre Schattenseiten zu philosophieren beginnen, sondern weiter geht es im Tagwerk!
So um fünf klopfte ich bei Susi an und entführte sie auf einen Kaffee. Ich wollte sie eigentlich auf einen richtigen Kaffee beim Kiosk einladen, aber sie wollte lieber einen aus dem Automaten und sich dafür wieder auf die Couch beim Eingang setzen, um ein wenig die Leute zu beobachten. So grundverschieden wir einander in manchen Dingen sind, so ähnlich sind wir einander in anderen, das ist faszinierend. Ich bin gespannt, ob wir wirklich in Kontakt bleiben, oder ob wir einander nie wiedersehen.
Wir tratschten bis uns der Gong zum Essen rief. Es gab einen bunten Nudelteller. Das hieß, Farfalle in Rot, Grün und Gelb, dazu eine deliziöse Rahmsauce. Mhm, am liebsten hätte ich den Teller abgeleckt. Grüner Salat dazu – perfekt!
Unser Neuer war auch wieder da, ohne Gruß setzte er sich an den Tisch. Wir versuchten, ihn ein wenig ins Gespräch einzubinden, aber er murmelte nur zwei Worte und dann war es Sense mit Konversation. Den Kaugummi, auf dem er ständig herummatschgerte, legte er einfach aufs Tischtusch. Den Teller leckte er beinahe ab, den Joghurtbecher dann dafür wirklich. So weit er mit der Zunge hineinkam wurde der Becher ausgeleckt. Und aufs Essen kamen wieder – ohne, dass er vorher gekostet hätte – Unmengen von Pfeffer und Knoblauch. Susi sah ganz unglücklich drein. Und wieder ging er ohne Gruß. Hermi mokierte sich darüber, dass das sicherlich so ein Almöhi aus irgendeinem Bergdorf wäre. Ich riss mich schwer zusammen, sonst hätte ich ihr zu dem Thema Benehmen mal etwas gesagt, aber ich blieb ganz ruhig. So, wie wir es bei den Entspannungsübungen gelernt haben.
So ging mein letztes Abendmahl in diesem Haus vorüber.
Hermi und ich begleiteten Susi noch zur Rezeption, wo sie ihren Therapieplan für morgen holte, dann blieben wir noch für ein halbes Stündlein in der Lobby und redeten.
Um dreiviertel sieben war ich bereits wieder im Zimmer, nun tippe ich den Eintrag, packe noch die letzten Sachen zusammen, werde noch einmal mit meinem Schatz telefonieren, hole mir eventuell noch einen Automatenkakao, und das war´s.
Das war der eigentlich letzte Tag meiner Kur.
Offiziell ist natürlich erst morgen der letzte Tag, die PVA kassiert den Selbstbehalt für den Anreise- und Abreisetag ja voll (Was eigentlich arg ist, denn am Anreisetag bekomme ich kein Frühstück und Mittagessen, und am Abreisetag kein Mittagessen und Nachtmahl, trotzdem muss ich voll zahlen.), aber eigentlich ist es für mich gelaufen.
Frühstück um sieben noch, das Zimmer muss um acht geräumt sein, dann kommt nämlich schon die Putzkolonne. Und aus die Maus.
Ein komisches Gefühl, dass es jetzt so plötzlich vorbei ist, die letzten Tage seit dem Wochenende sind vergangen wie im Flug.
Ich freue mich schon so sehr auf zuhause!

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Tag 22

Aflenz, 29.11.2007

Tag 22 - Abschied und Heimreise

Obwohl ich letzte Nacht kaum schlafen konnte, kam ich erstaunlich leicht auf.
Ich zivilisierte mich und ging in den Speisesaal, wo bereits Vollkornbrot und Käse für mich bereitstanden.
 Hermi und Susi waren auch schon da, der Almöhi kam mit Verspätung. Er hatte an seinem Platz eine Nachricht liegen, die besagte, dass er um acht im Diätbüro sein sollte. Na, ob der das hinbekommt?
Das Essen war halbfröhlich, Susi fürchtete sich vor den Leuten, die jetzt an ihren Tisch kommen würden. Sie ist ja quasi die letzte aus "unserer Runde".
 Wir drei gingen nach dem Frühstück gemeinsam zu unseren Zimmern, am Gang gab es eine kleine Abschiedsszene. Als Susi mich umarmte, fühlte sich das völlig normal an. Aber als Hermi plötzlich ihre Arme um mich schlang, kam ich mir vor wie im falschen Film.
Und dann war ich wieder im Zimmer.
Allein.
Ich packte die letzten Kleinigkeiten zusammen, kontrollierte alle Kästen und Regale und verließ dann meine Residenz, um in der Lobby zu warten, bis es an der Zeit wäre, zum Bus zu gehen.
Als ich so auf der Couch saß, mich vergeblich um Konzentration zum Lesen rang und Musik lauschte, fiel mir ein, dass ich in Zimmer und Vorraum zwar alle Kästen und Laden nach eventuell Vergessenem durchstöbert hatte, im Bad jedoch nicht nachgesehen hatte. Und da waren noch meine Zahnbürste samt Etui sowie eine Handcreme und ein paar Hustenzuckerl.
Schnell stürmte ich zurück ins Zimmer, aber die Raumpflegerinnen waren schon dort zugange und hatten alles, was ich zurückgelassen hatte, weggeworfen. Ohje.
Die Quasselstrippe bot mir an, die Sachen aus dem Müll zu holen, aber das war nun wirklich nicht notwendig. Gerade bei einer Zahnbürste...
Aber so hatte ich die Gelegenheit, mich von ihr zu verabschieden und ihr und für ihre Schwester alles Gute zu wünschen.
Zurück in der Lobby war es schon weit nach acht, aber der Almöhi stieg herum und unterhielt sich mit ein paar Leuten. Ich sprach ihn darauf an, dass er doch um acht im Diätbüro hätte sein sollen. Seine Antwort: "Aha."
Geduldig erklärte ich ihm, wie er denn zu besagtem Büro käme. Dreimal. So, dass es jeder Volldepp verstanden hätte.\line (Was ist so schwer an: "Gehen Sie diesen Gang gerade entlang, bis sie an einer Stiege sind. Die gehen Sie dann zwei Stockwerke weit hinunter. Und dort ist ein grosser Wegweiser, der Sie weiterführt, nicht zu übersehen."???) Aber dieser Volldepp verstand es nicht, denn als ich eine Viertelstunde auf die Toilette musste, sah ich, dass er immer noch irgendwo am Gang herumirrte.
 Mannomann, der würde wohl nicht lange hierbleiben. Oder sie teilen ihm auch einen Zivi als Führer und Begleitschutz zu...*kopfschüttel*
Mit Lesen, Musikhören und Leutebeobachten verging die Zeit bis um zehn doch irgendwie, ich grabschte mir meine Sachen und schleppte mich zur Bushaltestelle.
Dort kam zufällig Susi vorbei, als gerade der Bus ankam. Sie half mir, meine beiden großen Taschen in den Laderaum des Busses zu hieven, und dann galt es endgültig: "Goodbye, Aflenz!"
Der Bus hatte ein paar Minuten Verspätung, was mich beunruhigte. Ich hätte in Bruck nämlich nur etwa 10 Minuten, um samt Gepäck aus dem Bus zu steigen, eine Fahrkarte zu kaufen und zum richtigen Bahnsteig zu kommen, um mit meinen zwei zu großen Taschen den Zug zu besteigen. Nun hatte der Bus Verspätung, mir blieben noch etwa 7 Minuten für das Vorhaben.
In Bruck gab es einen Mordsstau, weil ein LKW mitten auf einer Kreuzung wenden mußte und mit seinem Riesengefährt in den engen Gassen stecken blieb.
Weitere Zeit, die verrann und mich nervöser werden ließ.
Aber ich schickte ein Gebet gegen Himmel und sagte mir, dass es nicht in meiner Hand läge, ob ich nun pünktlich zum Zug käme oder nicht. Ich wollte einfach auf Gott vertrauen. Und tatsächlich schwand meine Aufregung. Nach wenigen weiteren Minuten löste sich der Stau auf, ich kam fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof an. Mit dem Ticketkauf und dem Schleppen meiner Tasche kam ich in dem Moment auf dem Bahnsteig an, in dem der Zug einfuhr.
Wenn das nicht Fügung war!
Ich fand relativ schnell ein Abteil, in dem nur eine Dame in mittleren Jahren und eine Jugendliche saßen. Als ich meine Taschen verstaut hatte und endlich saß, hörte ich eine Durchsage, die besagt, dass "mein" Zug noch zehn Minuten auf einen Anschlußzug warten würde. Ich hätte also gar nicht eilen müssen, ich hätte es ganz locker geschafft.
Und da soll mir noch einer erzählen, es gäbe keinen Gott, das wäre alles nur Zufall!
Die Bahnfahrt gestaltete sich als angenehm, das Mädchen stieg recht bald aus, die Dame in Leoben, den Rest der Strecke bis Klagenfurt war ich allein im Abteil. Ich betrachtete die vorbeirauschende Landschaft, erkannte von mir bereits befahrene Motorradstrecken wieder und fand keine Ruhe, sodass ich nicht lesen konnte.
Die Zeit verflog, sehr bald waren wir in St. Veit, kurz darauf in Maria Saal und schon passierten wir die Stadtgrenze von Klagenfurt.
Als wir nach Anabichl, dem nördlichsten Teil von Klagenfurt, kamen, entschlüpfte mir ein "Ich bin zuhause!" Zum Glück war ich allein im Abteil...
Am Hauptbahnhof angekommen, kämpfte ich mich samt Gepäck aus dem Zug. Beim Aussteigen hatte ich Schwierigkeiten mit meiner großen Tasche, aber ein beherzter Mann griff zu und half mir.
Wow, damit hatte ich nicht gerechnet, ich freute mich ehrlich und schenkte ihm mein strahlendstes Lächeln.
Ich spähte über den Bahnsteig, aber meinen Schatz, der mit einer Länge von knapp 2 Metern kaum zu übersehen wäre, konnte ich nicht ausmachen. Er hatte mir ja gesagt, dass er nicht weiss, ob er es wegen dem Dienst schafft, mich abzuholen, er hatte sicherheitshalber meinen Wagen hinter dem Bahnhof geparkt. Also machte ich mich auf, um zu meinem Auto zu gelangen.
Als ich an das Ende der Fußgängerbrücke über die Gleise kam, sah ich, wie mein Süßer angerannt kam. Das war wie in unseren Anfangszeiten, er eilt auf den Bahnhof, um mich abzuholen, nachdem wir einander wochenlang nicht gesehen haben.
Normalerweise knutschen und umarmen wir einander nicht heftig vor Kindern und Jugendlichen, aber in dem Moment war uns die Schülergruppe, die an uns vorbeieilte, wurscht - Wir fielen einander in die Arme und tauschten einen heißen Kuß aus!
Und er roch und schmeckte sogar gleich wie damals!!!
Unsere Umwelt gar nicht wahrnehmend gingen wir händchenhaltend zum Auto und fuhren nachhause.
Dort wartete bereits ein wunderschöner Willkommensblumenstrauß auf mich.
Den Rest des Nachmittags wurde nur gekuschelt, erzählt und genossen.
Endlich wieder zuhause!

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