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Tag 06

Aflenz, 13.11.2007

Tag 6 – Depression im Anflug

Eigentlich ist heute schon Mittwoch, der 14., aber gestern abend war ich wirklich nicht mehr fähig zu tippen. Heute habe ich keine großen Therapien, deswegen dachte ich mir, einmal leiste ich es mir, den Tagebucheintrag nicht mehr am selben Tag zu schreiben.
Also, gestern...

Geschlafen hatte ich recht gut, dennoch fiel mir das Aufstehen schwer. Ich frage mich, wie ich das um fünf Uhr Aufstehen zuhause geschafft habe.
Irgendwie kämpfte ich mich zum Frühstück in Richtung Speisesaal, dort hatte der Wiener seine letzte Mahlzeit, er fuhr dann nachhause. Ich war schon gespannt, wer statt ihm kommen würde. Der Platz neben mir ist noch immer frei, für die Depressive gibt es anscheinend keinen Ersatz. Was mir die Plaudertasche alles erzählt hat, daran kann ich mich nicht einmal mehr erinnern, inzwischen wiederholen sich die Geschichten schon. Ich habe mich absichtlich mehr dem Schlaganfallbetroffenen, der, wie ich nun weiß, Heinz heißt, zugewandt, aber das hat die blöde Treap´n nicht gestört, die hat trotzdem weitergequatscht. Irgendwann hat es mir gereicht und ich habe gesagt, ich müsste gehen, ich hätte eine Therapie. Dann ließ ich sie einfach sitzen.
Um acht fünfzehn hatte ich ein Gruppengespräch über Übergewicht. Es war mehr ein Vortrag als ein Gruppengespräch, zweimal habe ich mich zu Wort gemeldet, aber da von den anderen so gar nicht viel kam habe ich dann auch den Mund gehalten. Trotzdem war das Gespräch, der eigentlichein Vortrag war, sehr gut. Geführt hat es die Psychologin, die auch das Yoga und die Entspannungsübungen macht. Es ging darum, auf welchem Weg man am besten sein Übergewicht reduziert. Sie ging – logischerweise – neben der Ernährungsumstellung und der vermehrten Bewegung auch auf die psychologische Seite des Abnehmens ein, wie man Frust vermeidet, wie man es macht, dass Abnehmen auch Spaß bereitet und solche Sachen. Wir   haben auch einige Unterlagen bekommen, die sind ganz toll.
Danach hatte ich den Vormittag frei. Ich kam von dem Vortrag ins Zimmer und war fertig. Ich wusste nicht einmal warum, aber ich fing zu heulen an. Und als ich auf die Bilder von meinem Schatz sah, wurde es noch schlimmer. Ich vermute mal, das war ein akuter Anfall von Papaweh (Na, jetzt natürlich nicht nach meinem Vater, sondern nach meinem Mann!). Heimweh in dem Sinn, dass ich unbedingt an einen  bestimmten ORT will, ist mir fremd, aber krank nach Personen kann ich schon sein. Und dann noch das Gespräch, bei dem es eben um Gefühle und die Situation von Dicken ging, das war alles ein bisschen viel.
Also heulte ich eine Runde, fasste mich  dann aber wieder und begann zu sticken, um mich abzulenken. Kommenden Sonntag wird mein Neffe Sebastian getauft, bis dahin will ich zwei Lätzchen bestickt haben, die ich wohlweislich mitgenommen hatte, in der Hoffnung ein wenig Zeit für Handarbeiten zu haben. Wenn mein Schatz mich kommenden Samstag besuchen kommt, soll er sie mitnehmen.
Na, und als hätte er es gerochen, rief mich mein Liebster an. Das Gespräch war tröstend, aber trotzdem ging es mir nicht wirklich besser.
Bis zum Mittagessen hatte ich mich wenigstens so weit wieder im Griff, dass man mir nicht mehr ansah, dass ich geheult hatte.
Statt dem Wiener war bereits eine neue Dame da, die sich als Susi vorstellte. Aus Wiener Neustadt. Vom Dialekt her Wienerisch pur.
Kriiiiise!
Aber der Vorteil daran, sie verstand sich sofort blendend mit der Plaudertasche! Die zwei haben sich so gut miteinander unterhalten, dass ich beim Essen direkt Ruhe hatte. Und mich ein bisserl mit Heinz unterhalten konnte, von dem sich herausstellte, dass er aus meiner Heimatstadt Graz kommt! Die Plaudertasche, ich glaube, sie heißt Hermine, fühlte sich zwar noch ein paar Male bemüßigt, in meine Richtung zu reden, war aber mit einem Nicken meinerseits zufrieden, und unterhielt sich sonst nur mit Susi.
Hallelujah!
Da ging es mir dann doch gleich ein bisschen besser. Und außerdem gab es ein wunderbares Mittagessen. Zuerst gab es klare Suppe, mit zwei kleinen Stückchen Karotten darin, die die Form einer Blume hatten – ich bekomme sonst nie Suppe! – und dann „Gemüseplatte“ . Einen Teller vollgehäuft mit Karfiol, Kartoffeln, Babykarotten, Broccoli und Zucchini. Ich war im Paradies! Leider fand sich auf den Zucchinistücken Schinken, aber den habe ich heruntergeklaubt, dann passte das schon.
Als Dessert gab es Buttermilchgelee mit Beerenmus, das fand ich aber nicht so toll. Ich nahm vom Geschmack kaum was war, weil es irgendwie so voller Säure war. Ich stand vom Tisch mehr als pappsatt auf, die Gemüseportion war wirklich gigantisch gewesen.
Was den Nachteil hatte, dass der Magen ausgedehnt war und nach eineinhalb Stunden schon wieder nach Füllung schrie, aber das ist eine andere Geschichte....
Um dreiviertel eins gab es einen Vortrag zum Thema Übergewicht, der im großen Gemeinschaftssaal stattfand. Der Saal war gerammelt voll, der Vortrag mies und nach 15 Minuten vorbei. Eine sehr junge Ärztin hielt ihn (die würde wirklich als 17jährig durchgehen) und entweder war sie sehr nervös oder pädagogisch völlig unbegabt. Sie benutzte eine sehr gut gemachte Powerpointpräsentation zur Unterstützung, ratterte aber alles in einem furchtbaren Tempo herunter und warf mit Fachausdrücken, die kein Laie versteht, um sich, verhaspelte sich immer wieder mal und war sichtlich erleichtert, als der Vortrag vorbei war. Mir tat sie irgendwie leid. Heinz, der in derselben Reihe wie ich saß, bekam schon zu Anfang einen Lachkrampf und konnte sich während des ganzen Vortrags nicht mehr beruhigen, hin und wieder platzte ein unterdrückter Lacher heraus. Das war so ansteckend, dass ein paar von den anderen Leuten auch unterdrückt zu lachen begannen, die Ärztin war echt arm dran, denn der Vortrag war somit ein Desaster!
Um drei hatte ich Yoga, die Zeit bis dahin verbrachte ich mit Lesen. Es schneite wieder und ich hatte keine Lust hinauszugehen. Meine Stimmung war auch nicht wirklich besser geworden. Zur Ablenkung vertiefte ich mich so sehr in mein Buch, dass ich direkt erst wieder in die Realität zurückfinden musste, als ich damit fertig war.
Beim Yoga machten wir wieder jede Menge Verrenkungen, eine davon heißt „Windbefreier“ und hilft gut bei Blähungen, ähem...
Der gymnastische Part gefiel mir, aber ich schaffe es noch immer nicht, mich beim Yoga zu entspannen. Für mich ist es eher anregend. Vielleicht, weil die Figuren teilweise recht mühsam sind.
Danach hatte ich keine vorgeschriebenen Therapien mehr, also ging ich schwimmen. Ich versuchte mich auch im Saunabaden, aber nach 10 Minuten in 95 Grad Celsius ergriff ich die Flucht. Ich duschte mich eiskalt ab, das war...woah, das brachte den Kreislauf in Schwung.
Zurück im Zimmer war ich noch immer total erhitzt, weshalb ich  mich noch einmal eiskalt abduschte. Ich glaube, meinen Schrei, als ich mir das Wasser über Bauch und Rücken rinnen ließ, war im ganzen Haus zu hören... Aber danach war ich munter und voller Tatendrang. Meine Stimmung war auch besser.
Abends gab es Pasta asciuta und grünen Salat. Die Portion, die ich bekam, empfand ich als wirklich mickrig. Naja, Nudeln haben halt doch viel Kalorien. Aber dafür hatte man für mich extra ein Sojasugo gemacht.
Und ich aß ganz, ganz langsam, damit mein Magen ja zufrieden ist. Es war wirklich wenig, die Rache für das üppige Mittagessen.
In der abendlichen Kreativtherapie malte ich meine Schafherde mit Acryllack an. Meine Figuren waren alle ganz geblieben, die Dame neben mir hatte nicht so viel Glück, ihre Biene war in ihre Einzelteile zerfallen. Aber als ich meinem Hirten gerade den Stab anfärbte, segnete auch er das Zeitliche. Auch gut, nun konnte ich die Zeile einzeln anmalen und dann zusammenkleben.
Neben mir saß ein Mann in mittleren Jahren, von dem sich herausstellte, dass er Gleisdorfer ist. Yippieh! Jemand aus der Heimat, Gleisdorf ist quasi meine zweite Heimatstadt, der Großteil meiner Verwandten lebt dort, ich bin zur Hälfte dort in der Umgebung aufgewachsen. Es stellte sich heraus, dass wir ein paar gemeinsame Bekannte haben. Manchmal ist die Welt doch eine kleine. Und eine ältere Dame fragte mich, ob ich Kärntnerin sei, sie wohne in St. Veit, sei aber gebürtige Klagenfurterin, hatte dort jahrzehntelang ein Gasthaus, nämlich den heutigen sehr bekannten und beliebten „Pumpe“.  So langsam lege ich mein Misanthropendasein ab und freue mich über Bekanntschaften. Auch so verstehe ich mich inzwischen mit ein paar Leuten recht gut, die meisten von ihnen kenne ich aus der Kreativgruppe näher.
Es gibt sowieso das reinste Panoptikum hier, ein paar Personen fallen einem immer wieder ins Auge. So zum Beispiel eine Frau, die auf mich von Anfang an lächerlich wirkte, obwohl ich nie wusste, warum. Inzwischen kenne ich den Grund: Sie ist total künstlich. Ihr Rumpf ist kugelrund. Die Beine wirken recht normal, aber Busen,. Bauch und Po und auch die Oberarme sind enorm. Aber sie verdeckt das nicht, sondern betont es noch. Ihre Pullis sind immer um zwei Nummern zu eng, sodass jede Speckfalte noch betont wird. Eigentlich kleidet sie sich elegant, immer in Schwarz, Weiß und Rosa, aber viel zu eng, sodass es furchtbar aussieht. Und geschminkt ist sie immer wie im Fasching. Ganz dünne, halblange schwarz gefärbte Haare, die vom Färben schon ganz strohig aussehen, viel zuviel Rouge, knallrot geschminkte Lippen und selbst beim Schwimmen tiefschwarz umrahmte Augen. Aber solche Personen gibt es ja viele, das ist nicht, was bei ihr ins Auge sticht. Ich bin lange nicht dahintergekommen, warum sie mir so lächerlich vorkommt, ich habe sie beobachtet, nun weiß ich es: Ihre Künstlichkeit wird betont durch ihr geziertes Getue. Sie spricht nur Schriftdeutsch, man härt jedoch einen slawischen Akzent heraus. Wenn sie spricht öffnet sie kaum ihren Mund, den sie ständig zu einem Schmollmündchen verzieht. Die Madame ist sicherlich über 50, da sieht das nicht mehr sexy aus.... Den Schmollmund macht sie ständig, ich glaube, ihre Muskeln können nur mehr so arbeiten. Und die Mundwinkel sind immer theatralisch nach unten gezogen. Wenn sie ihr Besteck oder sonst etwas benutzt, dann tut sie das nur mit zwei Fingern, so als sei alles viel zu schmutzig für sie. Und sie streckt immer den kleinen Finger weit von der Hand ab, wie die „noblen Damen“ es tun. Beim Essen nimmt sie nur winzig kleine Bissen, aber dafür viele hintereinander. Auf ihrer putzigen spitzen Nase sitzt eine Minibrille, über die sie ständig drüberschaut. Sowas kann ich nicht leiden, entweder sieht man durch die Brille oder man nimmt sie ab.
Gekleidet ist sie, wie gesagt, immer um Nummern zu eng. Und an den Füßen hat sie immer winzige Sandaletten. Ihr Körper ist wirklich enorm fett, da wirken die kleinen Füßchen mit den Sandalettchen fürchterlich! Und wenn sie mit jemanden spricht, dann sieht sie ihn immer von oben herab über ihre Brille an.
So, ich glaube, nun kann man sich ein Bild von mir machen. Entweder hat die Frau einen gröberen Hawaii oder sie leidet unter bemitleidenswerten Komplexen.
Aber solche schillernden Figuren gibt es hier mehrere, auch Männer, vielleicht beschreibe ich noch welche. Später. Ein andermal.
Wieder zurück im Zimmer habe ich überlegt, ob ich noch meinen Schatz anrufen sollte, in dem Moment klingelte das Telefon und er war dran. Gedankenübertragung!
Als ich ihm erzählte, ich hätte heute eine Schafherde angemalt, hätte ich zu gerne sein Gesicht gesehen, denn er dachte, ich verar***e ihn. Gnädigerweise ich klärte ihn auf.
Ziemlich bald ging ich zu Bett, denn die anregende Wirkung der kalten Dusche ließ nach und ich war hundemüde. Dennoch brauchte ich eine ganze Weile, bis ich einschlief, aber da ich ja gerade einen spannenden Krimi zum Lesen habe, macht das fast gar nichts.

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Tag 07

Aflenz, 14.11.2007

Tag 7 – freie Gestaltung

Um 6.00 klingelte wie jeden Tag der Wecker, um 6.40 kam ich endlich aus dem Bett. Ich glaube, wenn ich bereits um 6.30 irgendwo sein müsste, käme ich leichter auf, aber so wusste ich, dass ich keinen Stress habe und ließ mir mit dem Aufstehen Zeit.
Gleich zum Frühstück kam der erste Schock: Auf meinem Teller lagen zwei Scheiben Vollkornbrot und drei Blatt Wurst. Äh, Scherz, oder? Das ist jetzt schon das dritte Mal, dass das mit der fleischlosen Kost nicht klappt. Denen hier dürften echt nicht viele Vegetarier unterkommen.
Aber wenn irgendwas beim Essen nicht passt, dann braucht man das nur einer der Servierdamen sagen, notfalls bespricht die sich mit der zu allen Mahlzeiten anwesenden Diätassistentin, und man bekommt sofort etwas anderes. Selbst wenn die Portion zu klein ist und unbedingt einen Nachschlag will, drückt man hin und wieder ein Auge zu, es wird aber dokumentiert. So werden die Leute dazu „erzogen“, selbst Verantwortung für sich und ihre Gesundheit zu übernehmen, finde ich gut. Es wird auch nicht überwacht, wer jetzt auswärts essen geht oder sich was zum Futtern einkauft, man muss nur zu en Essenszeiten im Speisesaal anwesend sein.
Nach dem Frühstück verbrachte ich die Zeit bis zu meinem ersten und einzigen Tagesordnungspunkt mit dem Tippen des gestrigen Tagebucheintrags.
Um neun gab es einen Vortrag über Harnsäure, gehalten von einer sehr sympathischen und aufgeweckten Diplomierten Diätassistentin. Der Vortrag war toll, so gestaltet, dass jeder Laie alles verstehen konnte und in einem guten Tempo gebracht. Man konnte auch jederzeit fragen und hinterher gab es noch eine kleine, spontane Diskussionsrunde.
Was ich nur witzig fand: Die Hauptaussage von dem Ganzen war, um seinen Harnsäurespiegel zu senken muss man weniger Purine zu sich neben, und Purine stecken hauptsächlich in Fleisch und Fleischprodukten, die soll man unbedingt reduzieren. Hallo?
Was, bitte, läuft dann bei mir falsch?
Aber es wurde auch gesagt, dass man beim Abnehmen einen erhöhten Harnsäurespiegel hat. Aha! Aber mein Wert war noch nie so hoch, dass man sich Sorgen machen müsste, ich sollte nur darauf achten, dass es nicht mehr wird.
Nun gut, das war der einzige fixe Programmpunkt für mich. Entweder bin ich wirklich um so viel gesünder als all die anderen hier, die über ihre Termine stöhnen, oder man gönnt mir keine Therapien, ich weiß ja nicht, ich komme mir vor wie im Urlaub. Heinz hat viermal die Woche Unterwassergymnastik, ich hatte es erst einmal.
Vielleicht war ich ja zu gut und darf nimmer mitmachen, um die anderen nicht zu frustrieren... ;-)
Naja, mein toller Kurarzt hatte ja gemeint, ich solle im Falle von erhöhten Blutdruckwerten am Mittwoch bei ihm auftauchen, also marschierte ich zu ihm – ohne erhöhte Werte, einfach, um ihm das unter die Nase zu reiben. Mein Besuch bei ihm war genial, das muss ich in allen Einzelheiten beschreiben. Wenn ich nur daran denke habe ich ein Grinsen im Gesicht:
Ich klopfte an seine Tür, die Tür wurde elektronisch geöffnet, ich ging in das Sprechzimmer, er saß an seinem Schreibtisch. Ich begrüßte ihn mit „Guten Morgen“, er grüßte zurück. Dann wollte er meinen Namen, den gab ich ihm. Und dann wollte er wissen, was ich denn brauche.
„Ich komme, weil Sie meinten, ich solle ein Blutdruckprotokoll führen wegen meiner angeblichen Hypertonie.“
Er wollte das Protokoll haben, ich gab es ihm. Er sah sich die Werte an und fragte nebenbei: „Und was habe ich Ihnen jetzt für ein Präparat gegeben?“ – „Noch nichts, sie meinten, Sie sähen sich das noch einmal an und würden sich dann entscheiden.“
Und dann kam es: Er sah mich an, er sah auf das Protokoll, sah mich an (wie in einem schlechten Film).
„Diese Werte haben Sie ohne Medikament?“ – „Genau.“
Er gab mir den Zettel zurück und meinte nur „Sie brauchen auch nichts“, während er sich wieder seinem PC widmete, um meine Diagnosen zu ändern.
Ich habe mich beherrschen müssen, um ihm nicht ins Gesicht zu grinsen.
Dann meinte ich noch, ich hätte gerne Massagen, weil Nacken und Schultern komplett verspannt sind.
„Ja, gut, ist geregelt, trage ich gleich ein.“
Noch breiteres inneres Grinsen.
Danach schmiss er mich sanft aus dem Behandlungszimmer.
Davor saßen Judith und eine Frau von der Kreativgruppe, denen ich erzählt hatte, welche Frechheiten mir der Arzt an den Kopf geworfen hatte. Nun wollten sie wissen, was er jetzt gesagt hatte. Ich erzählte es ihnen und alle drei mussten wir grinsen.
Voll guter Laune ging ich ins Zimmer (Heute ertrug ich sogar das Gequassel der Plaudertasche mit echtem Interesse. Gestern hat sie noch Susi in all die Dinge eingeweiht, die ich schon wusste, aber heute erzählte sie was Neues. Ich ertrug sie sogar als Begleiterin bis zum Zimmer. Nach dem Mittag- und dem Abendessen!) und stickte weiter an einem Lätzchen (Nach einem Auto und einem Laster ist jetzt ein Schulbus an der Reihe.), denn zum Hinausgehen war es mir noch zu kalt, die Wege waren alle noch eisig.
Plötzlich klingelte mein Handy, das ja mein Diensthandy ist, eine unbekannte Nummer. Ich hob ab, es war die Buchhalterin aus der Firma dran. Sie teilte mir mit, dass die Frau Gemeinderat gestorben sei. Blitzschnell überlegte ich, dass ich ja keine Frau Gemeinderat betreue, was wollte sie also von mir? Dann kapierte ich, die Seniorchefin war gestorben! Erwartet wurde das ja schon länger, nun war es also so weit gewesen. Der Weihnachtsbazar, den unsere Firma jedes Jahr gestaltet, wurde abgesagt. Bin ich auch nicht böse, brauche ich keine Kekse dafür zu machen. Und es werden von jedem Mitarbeiter fünf Euro für einen Kranz eingehoben. Da habe ich gemeint, sie solle sich an meinen Mann halten, weil ich ja auf Kur sei (Die breche ich deswegen sicherlich nicht ab!). Das hatte die Buchhalterin verschlafen, sie entschuldigte sich unzählige Male dafür, dass sie mich gestört hatte und begann mit mir über das Kuren zu plaudern. Arme Haut, muss jetzt alle Mitarbeiter anrufen und ihnen die schlimme Nachricht verkünden.
Unmittelbar danach telefonierte ich mit meinem Mann, er ist gegen den Kranz, will unsere gemeinsamen zehn Euro für einen Blumenstrauß für die Tochter – die eigentliche Chefin – verwenden. Ich hab gesagt, das muss er mit der Buchhaltung ausreden, ich bin nicht da.
Mal sehen, was wird jetzt. Leicht wird die nächste Zeit sicherlich nicht mit der Chefin, die ihr ganzes Leben (ohne Mann und Kinder) nur nach der Mutter ausgerichtet hatte. Ich gebe ehrlich zu, mich berührt der Tod der Frau „Gemeinderat“ nicht, ich kannte sie nicht einmal persönlich. Und es gehört ja eigentlich auch nicht ins Kurtagebuch.
Also, weiter in der Tagesordnung.
Zu Mittag gab es Zürcher Geschnetzeltes mit Vollkornspätzle und Broccoli, dazu Salat vom Buffet. Über den Salat war ich ganz froh, denn ich bekam nur Spätzle und Broccoli, und obwohl auf den Spätzle geröstete Zwiebel waren, war das eine sehr trockene Geschichte. Aber der Broccoli war sehr gut, noch bissfest. Die drei Salate der heutigen Auswahl: Grüner Blattsalat, wie immer, dann Stangensellerie und – man staune- Bohnensalat mit einem Hauch von Kürbiskernöl. Ich war sehr verwundert, habe mich aber gefreut und zugelangt.
Als Dessert gab es einen wirklich sehr guten Obstsalat.
Nach dem Essen las ich noch ein wenig in meinen Krimi weiter und ging dann spazieren. Ich war in Jauring, dem Nachbarort von Aflenz. Und fand heraus, warum es heute im ganzen Kurheim so furchtbar stank: Ein Bauer führte Jauche auf die Felder. Ein Kuh- oder Schweinestall kann nie so stinken wie Menschenjauche, echt wahr!
Jauring ist ein netter kleiner Ort, dort sprach mich eine Frau an, die gerade mit ihrem Hund und ihren Katzen spazieren ging. Was die mir als Wildfremde alles erzählte! Langsam glaube ich echt,ich ziehe die Freaks an! Interessiert es mich, wenn irgendjemand elf Katzenjunge hatte und die verschenken musste, drei aber behalten und kastriert hat und solchen Mist? Wenn ich sie kennen würde, oder sie Probleme hätte und Hilfe brauchen würde, ja, dann würde es mich interessieren, aber so...nee. Sie ging dann in eine andere Richtung als ich und fragte, ob ich sie denn nicht begleiten wolle. Da wurde es mir endgültig unheimlich und ich verneinte. Und haute ab, so schnell es ging.
Als ich wieder in Aflenz war, war erst eine knappe Dreiviertelstunde vergangen, also ging ich noch ein wenig so im Ort umher. Ich war in einer Laune, in der ich mir dachte, ich muss mir unbedingt was kaufen, eine kleine Belohnung, weil ich alles so brav mitmache und eigentlich mehr tu, als ich laut Therapeuten und Arzt müsste. Ich weiß nicht, manchmal hat man so eine komische Laune. Ich wollte mir ein Buch kaufen, aber der blöde Laden hatte zu. Mittagpause. Ich wollte keine 20 Minuten warten, bis er wieder öffnete. Also ging ich weiter und wollte mir in der Trafik Ansichtskarten kaufen. Auch die hatte noch zu. Mist, das einzige offene Geschäft war ein Lebensmittelgeschäft. Ich ging hinein und sah die Regale durch, sah mich nach Ansichtskarten um, aber die hatten nichts, was für Belohnungszwecke geeignet gewesen wäre. Also kaufte ich mir etwas, nach dem mir schon lang gelüstete. Da die Verkäuferin mich schon die ganze Zeit beobachtete, wollte ich nicht ohne etwas gehen, ich wäre mir blöd vorgekommen. Also kaufte ich mir eine Tafel Edelherbschokolade mit 70% Kakaogehalt. Ich wurde einfach schwach, ich gebe es zu. Ich hatte in letzter Zeit öfter gehört, dass diese hochprozentige Schokolade gesund sein soll für den menschlichen Organismus. Gut für die Glückshormone und ein krebsverhindernder Radikalfänger.
Naja, vielleicht alles Ausreden.
Zurück im Zimmer aß ich also 200 Kilokalorien Schokolade. Und mein Gewissen war und ist eigentlich nur ein ganz klein wenig schlecht, denn mit der Schoko hatte ich heute 1200 Kilokalorien, das ist immer noch Reduktionskost. Basta.
Nach dem Spazieren las ich wieder ein wenig und ging dann schwimmen. Heute waren sehr wenige Leute beim Planschen, zu den umtriebigsten Zeiten waren wir zu viert, die letzten 20 Minuten war ich allein im Becken. Und die ganze Zeit über die einzige Frau. Über eine Stunde machte ich wieder Bewegung im Wasser, heute sogar ziemlich exzessiv (Doch ein schlechtes Gewissen wegen meiner „Sünde“?). Als ich mich gerade dehnte, also Dehnungsübungen machte, und dazu ein Bein aus dem Wasser streckte und auf den Beckenrand gelegt hatte, kam einer der eher auffälligen Herren hier ins Becken (auffällig nicht nur von der Körpermasse, sondern auch durch ihr „wichtiges“ Verhalten) und bewunderte meine Beweglichkeit. Wir kamen ins Gespräch, aber als er dann unverhohlen mit mir zu flirten begann, blockte ich total ab. Somit war das Gespräch gelaufen. Aber nicht im Bösen, ich hatte mich einfach so gestellt, als würde ich nicht verstehen, worauf er hinauswill. Ich spiele normalerweise keine Psychospielchen, aber wenn ich will, kann ich auch ausgekocht sein. Die Unschuld vom Lande krieg ich immer noch hin.
Naja, die letzten 20 Minuten waren toll, ich allein im Becken, der Zivi, der quasi der Aufpasser war, las irgendwas, ich war also total ungestört, konnte beim Kraulen und Rückenschwimmen Wasser spritzen so viel ich wollte und machte auch ein paar Karateübungen. Unter Wasser gehen die noch ganz gut.
Danach ab ins Zimmer, duschen und Haare waschen, und dann war es schon Zeit für das Abendessen. Der Plaudertasche war auch die künstliche Puppe, über die ich im letzten Eintrag geschrieben habe, aufgefallen, und so amüsierten wir uns gemeinsam über ihr heutiges Outfit.  Heute sah sie wirklich katastrofurchterbar aus, mit Sturmfrisur und weit ausgeschnittenem Trägerleiberl und...unmöglich einfach. Wie ein Flamingo unter Fasanen.
Und nein, ich bin nicht eifersüchtig, so wie die will ich im Leben nicht aussehen!
Beim Abendessen entspann sich eine Unterhaltung, bei der zum ersten Mal alle so richtig eingebunden waren. Ich bemühe mich jetzt immer, Heinz auch ins Gespräch zu ziehen, und heute ist mir aufgefallen, dass Susi das auch tut. Heinz redet wenig, weil er durch seinen Schlaganfall einfach ein bisschen schwerfällig ist, langsam und schwer spricht. Aber bis auf die Plaudertasche nehmen wir alle Rücksicht darauf. Und er ist wirklich ein sehr netter, liebenswürdiger Kerl. So ein richtiger Knuddelopatyp. Ich sehe ihn aber immer allein, er unterhält sich kaum mit anderen (oder die anderen sich nicht mit ihm), wenn ich ihn am Gang treffe, bleibe ich immer stehen und wechsle ein paar Worte mit ihm. In meinem Verhalten spielt sicherlich Mitleid mit, das gebe ich zu, aber ich mag ihn auch sehr gerne und ich rede gerne mit ihm, denn wenn er mal spricht, ist das, was er sagt, gar nicht dumm. Man schätzt ihn nur im ersten Moment durch seine Behinderung und seine Zurückhaltung  vielleicht so ein. Achja, ich und mein Helfersyndrom, irgendwann wird mir das noch zum Verhängnis werden. Falls es das nicht schon wurde...(Aber das ist eine andere Geschichte.)
Ach ja, zum Essen gab es übrigens Gemüsepizza und grünen Salat. Ich habe heute zum ersten Mal in meinem Leben eine Pizza aus Vollkornteig gegessen, war aber sehr gut. Und das Stück war gar nicht einmal so klein.
So, und morgen geht es ans Eingemachet, da wird abgewogen und der Blutdruck gemessen. Außerdem habe ich ein Gespräch mit dem Primararzt.
Na, ich bin gespannt, der Blutdruck wird sicherlich wieder hoch sein, und ob ich bereits was abgenommen habe, wird sich ja herausstellen.
Um 6.45 muss ich in der Ambulanz sein, also gehe ich heute früh schlafen.
Gute Nacht!

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Tag 08

Aflenz, 15.11.2007

Tag 8 – kein guter Tag

Eigentlich kein Tag, der einen Eintrag wert ist. Aber der Vollständigkeit halber schreibe ich die Geschehnisse nieder.
Eine furchtbare Nacht, meine Schwester ist im Traum vor meinen Augen an einer spritzenden Wunde am, oder eigentlich im Oberschenkel verblutet und ich konnte ihr nicht helfen. Mit Herzklopfen bin ich aufgewacht, es war erst zwei Uhr nachts. Mit ähnlichen Träumen quälte ich mich bis zum Morgen, ich war erleichtert, als der Wecker klingelte.
Um dreiviertel sieben sollte ich gewogen werden, den Blutdruck durfte ich selbst messen. 156,25 Kilogramm, also in einer Woche 1,15 Kilo abgenommen. Ich hatte gehofft, es wäre mehr, allein schon deshalb, weil ich am Vortag ungefähr 20 mal am Klo war und irrsinnig viel Wasser abgebaut habe. Die abwiegende Schwester meinte, ich solle froh sein, das wäre eine tolle Leistung, auf die Weise würde ich in einem Jahr über 50 Kilogramm abnehmen.
Da hatte sie auch wieder recht.
Nach dem Frühstück wurde ich massiert, das war sehr entspannend, besser als Yoga.
Mit einem Buch setzte ich mich danach auf einen halbbequemen Sessel vor der Ordination des Primar, ich hatte ja sonst nichts zu tun, und um 10.15 stand ein Gespräch mit ihm an. Ich betrat schon um zehn sein Büro, da niemand anders mehr vor mir wartete.
Alle, die ich fragte, hatten mir vorgeschwärmt, wir toll der Primar sei, man könne ihn alles fragen, er würde bloß wissen wollen, wie es einem hier gefalle und ob man mit den Therapien zufrieden sei. Ich weiß nicht, ob es an mir lag oder an ihm oder an der Sternenkonstellation im Band des Orion, aber mein Gespräch mit dem Obermacker sah völlig anders aus.
„Guten Morgen, wie ist der Name?“
Ich sagte es ihm.
„Nehmen Sie doch Platz. Sie sind also wegen dem Übergewicht hier.“ Ja, das las er ja auch vom Computerbildschirm ab. Außerdem wollte er wissen, was ich von Beruf sei, als sei das relevant dafür, ob es mir hier gefällt. Na ja, vielleicht wollte er auch etwas Smalltalk treiben. Weil ich ja so auf sinnlosen Smalltalk stehe.
„Haben Sie denn schon etwas abgenommen?“
Ja, ich hatte mich ja davor abgewogen, knapp über einem Kilo war das.
„Das ist aber nicht viel.“
Wie bitte? Ich halte mich hier an die Diät, esse teilweise unter den vorgeschriebenen tausend Kilokalorien, weil ich morgens kein Obst mehr ergattere, mache weitaus mehr Bewegung, als ich verordnet bekommen habe, und dann kommt dieser Laffe und sagt, ich würde zu wenig abnehmen? Ich war so baff, dass ich kein Wort hervorbrachte. Ich fühlte mich, als hätte er mich geohrfeigt. In seinen Worten schwang eigentlich die Unterstellung mit, ich würde mich nicht an die Richtlinien des Hauses halten und auswärts zufüttern.
Das Stückle Schokolade am Vortag war das einzige, was ich mir in dieser Richtung je gegönnt habe, ich hatte mir nicht mal Saft oder Mineralwasser gekauft! Und ich saß auch nicht mit den anderen Kurgästen abends am Kiosk und schüttete Kaffee mit Zucker oder Kakao in mich hinein.
Die Ohrfeige brannte sehr auf der Haut. Denn sie war völlig ungerechtfertigt, eine fiese Art mich anzugreifen.
„Sie wissen schon, dass sie mit diesem Übergewicht irgendwann Diabetes haben werden, wahrscheinlich eher früher als später.“
Haben die Ärzte hier alle einen an der Waffel?
Was glaubt der eigentlich, warum ich hier bin?
Weil es mir Spaß macht, drei Wochen lang von meinem Mann getrennt zu sein, weil ich gerne lauter fremde Menschen um mich herum habe, weil ich darauf stehe schikaniert zu werden und total abfahre auf das Hungergefühl? Verdammt ich bin hier, weil ich weiß, dass ich krank bin, und weil ich etwas dagegen unternehmen will. Ein paar aufbauende, ermutigende Worte täten da irgendwie gut.
Ich konnte wieder nichts sagen, der Kloß in meiner zugeschnürten Kehle war zu dick dafür.
„Machen Sie denn zuhause Bewegung?“
Nun ja, neben dem bisschen Softair gehe ich im Schnitt fünf mal de Woche eine Stunde lang mit dem Hund spazieren.
„Zwei Stunden täten Ihnen besser und der Hund würde sich auch freuen.“
Hallo, hat es sich noch nicht bis zu diesem Krieger gegen überflüssiges Körperfett herumgesprochen, dass man in diesem Haus auch den psychologischen Aspekt das Abnehmens beachtet? Wieso befand er sich auf dem Kriegspfad gegen mich? Hatte er sich an diesem Morgen vorgenommen “Die elfte, die heute zu mir kommt, die mach ich nieder“?
Ich war seit einer Woche zuhause weg, seit einer Woche bekomme ich weitaus weniger zu essen, als ich gewohnt bin, seit einer Woche strample ich mich freiwillig täglich so ab, dass ich Muskelkater habe, seit einer Woche hatte ich keinen Sex, nicht mal kuscheln konnte ich mit irgendjemanden, den ich lieb habe, und der Arsch findet kein einziges lobendes Wort, nichts, dass mich ermuntert weiterzumachen, sondern putzt mich runter wie einen Christbaum nach Maria Lichtmesse. Ich spürte, wie die depressive Verstimmung, die schon ein paar Tagen in meinem Rücken lauerte, wuchs und ein fieses Grinsen aufsetzte.
„Sie sehen so blass aus, wie sehen denn Ihre Blutwerte aus?“
Woher soll ich denn das wissen, er sitzt vor dem Computer, in dem meine ganzen Daten stehen, nicht ich.
„Ja, Ihre Blutwerte sind ganz in Ordnung. Noch. Sie wissen aber schon, dass sich das schnell ändern kann.“
War das eine Drohung?
Nachdem er mit seinem niedermachenden Vortrag fertig war, hoffte ich, ich könnte noch was anbringen und ihn bitten, mir mehr Therapien zu geben. Ich wollte ja, dass mein Aufenthalt hier was brachte. Kneippen wäre toll, Wassertreten zum Beispiel, oder öfter in der Woche Unterwassergymnastik, irgendwas!
Aber stattdessen reichte er mir die Hand und meinte:
„Ja, das wäre es dann, ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Aufenthalt, auf Wiedersehen.“
Verdattert erwiderte ich seinen Handschlag, wollte noch etwas sagen, in diesem Moment öffnete sich die Tür und eine junge Ärztin kam herein. Und ich existierte für den werten Herrn Primar nicht mehr, denn er hatte mich ja schon entlassen, ich sollte die Scherben vor meinen Füssen gefälligst selber aufkehren und sehen, wie ich damit fertig werde.
Also ging ich. Schnurstracks in mein Zimmer, warf mich auf´s Bett und heulte hemmungslos. Und stopfte aus Frust die restliche Schokolade in mich hinein, ohne sie überhaupt zu schmecken. Warum auch nicht, denn schließlich habe ich hier sowieso keinen großen Erfolg, denn was ist schon ein Kilo Gewichtsreduktion in der Woche. Laut dem Primar ist das doch nichts wert. Noch dazu, wo ich merklich Muskeln aufbaute und Muskelgewebe nun einmal schwerer ist als Fett. (Ich frage mich sowieso, warum die hier nicht auch Körperfettgehalt und Wassergehalt messen, das wäre viel aufschlussreicher als nur das Gesamtgewicht.)
Irgendwie überstand ich die Zeit bis zum Mittagessen.
Ich setzte die lächelnde Maske auf und war im Speisesaal gesellig wie immer. Nur wollte mir das Essen so überhaupt nicht schmecken, irgendwie registrierte ich gar nicht, was ich ass. Laut Plan waren es gefüllte Zucchini mit Perlweizen und Tomatensauce. Und Salat vom Buffet. Ich hatte mir Salat geholt, aber ich habe keine Ahnung mehr, was es für welcher war. Das Dessert wollte ich gar nicht mehr essen.
Als ich meinen Tischnachbarn vom Primargespräch erzählte, wollten sie mir erst gar nicht glauben, dass es auf die erlebte Art gelaufen war, denn alle hatten den Obermacker immer als freundlich und interessiert und nach dem Wohlergehen fragend erlebt. Ich bekräftigte, dass er zu mir ein richtiger Arsch aus dem Lehrbuch war, da meinten sie, ich sei einfach zu sensibel, weil mir mein Mann so fehlt.
Möglich, vielleicht nahm ich mir das Ganze zu sehr zu Herzen, es sollte an mir abprallen und mir nichts ausmachen. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass ich mich nicht ernst genommen fühlte.
Und ein Arzt, der mich dieses Gefühl der Unwichtigkeit, Minderwertigkeit vermittelt, ist für mich kein guter Arzt. Freiwillig gehe ich zu so einem nie wieder.
Am Nachmittag wollte ich nicht spazieren gehen, nicht handarbeiten, gar nichts, einfach gar nichts tun. Ich nahm um drei an den Entspannungsübungen teil, konnte dort auch für kurze Zeit abschalten, ging danach aber nicht einmal mehr schwimmen. Ich minderwertiges, nutzloses, unanschaubares Tier wollte bloß allein im Zimmer sein.
Irgendwann fühlte ich mich so einsam, dass ich beschloss, mir eine Stunde Internet zu kaufen und ein paar bekannte Foren durchzustöbern, um ein bisschen Kontakt zur bekannten Außenwelt zu haben. Aber außer meinem Schatz schien mich zuhause niemand zu vermissen. Im Wolfpackforum gab es keine Reaktion auf den Eintrag, dass ich nun für drei Wochen nicht in Kärnten sei, frustrierend. Ein wenig munterte mich das Surfen dennoch auf. Ich schrieb eine Mail an meine Schwester und eine an meinen Schatz, das tat gut. Und zwei Mädels, die ich aus dem Netz kannte, hatten mir Mails geschrieben, weil ich ihnen abging. Das hat mich gefreut, wenn ich schon nicht den Freunden abgehe, dann wenigstens ein paar Fremden.
Wieder im Zimmer telefonierte ich mit meinem Schatz. Es tat so gut, seine Stimme zu hören. Aber als ich ihm vom Gespräch mit dem Obermacker erzählen wollte, begann ich wieder zu heulen und musste abbrechen.
Irgendwann beruhigte ich mich wieder und rief zurück. Er meinte auch, ich solle mich nicht so hineinsteigern. Weder in die Kommentare des Primar, die auch er äußert unangebracht und herzlos fand, noch in die Tatsache, dass von den „Wölfen“ keine Meldungen kamen, die kümmern sich halt größtenteils nur um sich selbst. Das Gespräch beruhigte mich, und wir verabschiedeten uns voneinander mit dem Trost, dass es nun nicht mehr lange bis zu einem Wiedersehen dauern würde.
Zum Abendessen gab es eine kalte Platte. Die Tischgemeinschaft unterhielt sich gut, ich ließ mir von meinem Kummer nichts mehr anmerken.
Auch danach in der Kreativgruppe ließ ich niemanden merken, wie es in mir aussah, und wir waren diesmal die richtige Runde beieinander, hatten jede Menge Spaß und Gelächter.
Künstlerisch gesehen brachte ich an diesem Abend nichts zusammen, nicht einmal einen Schmetterling, aber die Gemeinschaft mit netten und humorvollen Leuten tat mir gut.
Zurück im Zimmer gönnte ich mir etwas „Wellness“, duschte mich und rasierte mir Beine und anderes und cremte  mich von oben bis unten ein. Und dann las ich noch meinen Krimi fertig, es war Mitternacht, als ich endlich das Licht abschaltete.

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Tag 09

Aflenz, 16.11.2007

Tag 9 – die Sonne scheint wieder

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich gut geschlafen. Der Wecker ging wieder um sechs ab, um 6.40 schaltete ich ihn endgültig aus, um sieben bin ich aufgestanden!
Aber ich hatte ja keinen Zeitdruck, Frühstück gibt es bis acht Uhr und Therapien hatte ich vormittags keine. Um viertel acht war ich im Speisesaal, die Plaudertasche war schon da. Irgendetwas ist neuerdings anders, entweder ist sie es oder ich bin es, aber mir kommt ihr Gerede nicht mehr so schlimm vor. Sie redet schon noch wahnsinnig viel, aber sie erzählt nicht immer dasselbe. Susi scheint uns allen irgendwie gut zu tun. Heinz bringt sich viel mehr in die Gespräche ein, ich gehe mehr aus mir heraus und die Plaudertasche Hermi ist erträglich und teilweise echt witzig. Na, ihre Geschichten meine ich jetzt.
Gestern abend hat sich bei der Kreativtherapie herausgestellt, dass Susi auch mit mir irgendwie auf einer Wellenlänge ist, diese Frau scheint mit jedem zurecht zu kommen und sich mit jedem zu verstehen, faszinierend!
Der grausige Typ, der mich vor Kurzem im Schwimmbad so dumm angebaggert hat, hat mich heute beim Frühstück nicht einmal gegrüßt, als er mir über den Weg lief. Blöde Nuss!
Den Vormittag habe ich zum Sticken (bis morgen sollen die Lätzchen ja fertig sein) genutzt. Und als so gegen halb zehn die Sonne herauskam, zog ich mich an und ging in den Ort.
Zuerst machte ich einen kleinen Einkaufsbummel , kaufte mir ein Buch und Karten sowie benötigtes Garn, traf unterwegs ein paar andere Kurgäste und genoss die Bewegung. Und weil die Sonne so schön schien, spazierte ich noch ein wenig durch den Kurpark, blieb immer wieder stehen, um mir die Sonne auf mein Gesicht scheinen zu lassen, was mich irrsinnig entspannte. Dazu noch irische Musik im Ohr und alles war perfekt. Mein Spaziergang führte auch noch ein wenig um den Ort herum, nach eineinhalb Stunden kam ich wieder im Heim an. Das hat mir richtig gut getan. Auf diesem Spaziergang beschloss ich, für mich das beste aus dieser Kur herauszuholen und mir den Aufenthalt nicht von irgendwelchen selbstgefälligen Trantüten kaputt machen zu lassen.
Dann war es eh schon bald Zeit für das Mittagessen.
Heute gab es Fischfilet mit Kartoffeln und einer Joghurtsauce. Die Petersilkartoffeln und die Sauce sahen sehr gut aus, ich bekam aber eine mit Käse überbackene Gemüsepalatschinke, die keinerlei Salz beinhaltete. Kartoffeln und Sauce wären mir heute lieber gewesen. Dazu gab es Karfiol- und Karottensalat in Selbstbedienung. Mjammi, der Karottensalat war sehr gut!
Gleich um eins hatte ich eine Massage, die tat gut! Der Masseur war ein ganz netter Mann, der einem, sobald er mit ihm spricht, die Hand auf den Arm legt. Irgendwie ist das angenehm, man fühlt sich mit Aufmerksamkeit überschüttet, andererseits will ich nicht hinterfragen, was die Gründe für diese Berührungen sind. Manche der Damen bezeichnen den Masseur als „Grabscher“, in die Richtung hatte ich heute nichts bemerkt. Er war sehr nett und hat wirklich gut massiert. Danach war ich ganz weggetreten.
Um die Entspannung nicht zu zerstören, setzte ich mich in den Lesestuhl und schmökerte in meinem neuen Buch, bis ich zur Unterwassergymnastik musste. Da war wieder eine gute Runde beieinander, Karolina war dabei, dann eine Altenpflegerin aus Graz und ein Mann, der mir schon ein paar Mal aufgefallen ist. Heinz war zwar auch da, aber wir vier unterhielten uns die ganze Zeit miteinander, auch dann, als die Gymnastikstunde vorbei war.
Der Mann, der mir bisher aufgefallen war, weil er wirklich enorm dick ist - er kann nicht einmal mehr seine Arme am Rumpf anlegen oder mit dem einen Fuß den anderen berühren – und weil er immer ausgesucht freundlich ist und mich anlächelt, wenn er mich sieht, sprach irgendwas von einer Pharmafirma. Und ich meinte dann irgendwas in der Richtung, dass ich die Nase voll hätte von der Pharmamafia, woraufhin sich dann herausstellte, dass er Geschäftsführer einer Pharmafirma ist...ups! Es folgte eine heiße Diskussion unter uns vier, die die anderen im  Schwimmbad gebannt verfolgten. Dabei umschwammen sie uns wie die Haie ihr Opfer.
Irgendwann gingen Karolina und der Pharmatyp und ich war wieder allein mit den üblichen Verdächtigen. Noch etwa eine halbe Stunde machte ich meine Bewegungen (die ich teilweise auch während des Gesprächs gemacht hatte) und fühlte mich richtiggehend wohl im Wasser. Dann kam der grausige Baggertyp aus der Sauna und redete mit mir in einem Deutsch, das man benutzt, wenn man mit einem Vollidioten oder einem Menschen, der die Sprache nicht gut beherrscht, spricht. So ein Pseudohochdeutsch: „Machst du wieder deine Übungen im Wasser? Sehr brav!“
Ich habe ihn nur böse angefunkelt und bin dann gegangen, mir wurde es plötzlich zu eng im Becken. Ich hatte ohnehin schon weit über eine Stunde Bewegung im Wasser, das musste reichen.
Ich hatte schlauerweise nur ein weißes Shirt und keinen BH mit und schlich mich mit vor der Brust überkreuzten Armen ins Zimmer. Ich hätte so ohne weiteres – ohne BH wie ich war – bei einem „Nasses-T-Shirtwettbewerb“ mitmachen können.
Im Zimmer rief ich dann gleich meinen Schatz an, es tut immer so gut, seine Stimme zu hören. Wir plauderten eine Weile, während ich den wunderschönen Sonnenuntergang beobachtete.
Die Zeit bis zum Abendessen verbrachte ich noch mit Sticken, dann machte ich mich auf den Weg in den Speisesaal. Es gibt hier einen neuen, enorm dicken, Kurgast, der nicht viel von Körperpflege zu halten scheint. Wenn er am Gang geht, zieht er eine lange Duftspur hinter sich her. Das ist grausig. Im Lift kann ich genau sagen, wenn er ihn vorher benutzt hat, der Gestank ist schauderbar. Auf dem Weg in den Speisesaal geriet mir wieder sein Düftchen in die Nase. *wurgs*
Im Speisesaal hat der Pharmamensch gleich beim Eingang seinen Platz. Ich muss ihn jetzt einmal genauer beobachten. Mir kommt vor, dass er mich immer besonders anlächelt und mich nicht aus den Augen lässt, sobald ich in seinem Blickfeld bin. Ich bilde mir nichts auf mein Aussehen ein, aber man weiß ja nicht, was Männern manchmal so gefällt...Ich hoffe, dass er nicht irgendwie in mich verknallt ist, das wäre schlimm, aber allein die Vorstellung kitzelt schon ein wenig die Psyche...
Beim Essen unterhielten wir vier am Tisch und wieder prächtig. Und beobachteten fassungslos eine waschechte Schnepfe, die meinte, hier in einem 5 Sterne-Hotel zu sein. Die scheuchte die Servierdamen herum, hatte an allem was auszusetzen, kam sich unheimlich wichtig vor. Und wenn man sie so beobachtet, dann bemerkt man, dass sie sich auch unglaublich schön vorkommt. Benehmen tut sie sich, wie eine, die einem Adelsgeschlecht entspringt, aber nicht realisiert, dass der Adel heute nichts mehr zu sagen hat.
Von der Figur wird es wahrscheinlich noch öfter Lesestoff geben!
Am Plan stand Fleischnudelauflauf, ich bekam wirklich deliziöse Krautfleckerl, dazu gab es wieder grünen Salat mit ein bisschen Karotte.
So, und heute werde ich nicht mehr viel machen. Das zweite Lätzchen fertig sticken und mich auf den morgigen Besuch freuen.

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Tag 10 & Tag 11

Aflenz, 18.11.2007

Tag 10 und Tag 11 – ein ruhiges Wochenende

Gestern abends war ich so müde, dass ich um 20.00 ins Bett fiel und kurz darauf einschlief. Und heute hat sich so wenig getan, dass ich mir dachte, ich fasse die Geschehnisse der beiden Tage in einen Eintrag zusammen.
Also, gestern...aufgestanden bin ich morgens sehr leicht, weil ich schon voller Vorfreude war. Ich zog mir was Hübsches an, nicht nur die ewigen Trainingshosen plus T-Shirt, und ging voller Elan zum Frühstück. Ich bekam ein Kürbiskornweckerl und Topfen, eine etwas trockenen Geschichte, aber geschmacklich sehr gut. Und dann ging die Warterei los. Mein Schatz hatte mir am Vortag gesagt, dass er so zwischen acht und neun losfahren würde, als rechnete ich ab zehn mit seiner Ankunft.
Die furchtbar lange Zeit verbrachte ich mit Lesen im Zimmer. Und mit Telefonieren, denn meine Schwester rief mich an.
Um zehn hielt mich aber nichts mehr im Zimmer, ich schnappte mir mein neues Buch und ging in Türnähe auf und ab, immer wieder einmal lesend und dann wieder aus dem Fenster sehend. Nur allzu bald war das Buch ausgelesen, ich drückte mich in der Empfangshalle herum, ging immer wieder mal hinaus auf den Vorplatz und fror mich halb zu Tode, aber mein Schatz kam nicht. Um zehn vor zwölf machte ich mir schon langsam Sorgen, also rief ich an. Er war gerade erst in Kapfenberg und würde in etwa zwanzig Minuten in Aflenz sein. Also ging ich zum Essen, mich darüber ärgernd, dass wochenends der Speisesaal  wirklich erst um Punkt zwölf geöffnet wird (unter der Woche bereits um dreiviertel, damit sich die Diabetiker ihre Broteinheiten bei den Beilagen abwiegen können). Auf meinem Platz saß ich wie auf glühenden Kohlen, ich bekam mein Essen (laut Speiseplan....keine Ahnung mehr, auch nicht, was ich gegessen habe, ich glaube, Kartoffellaibchen...) erst um etwa 12.15! Und beim Servieren flüsterte mir die Küchenhilfe zu, dass ich Besuch hätte. Ich vergaß all meine guten Vorsätze in Bezug auf langsames Essen und gründliches Kauen und eilte zehn Minuten später in die Vorhalle. Dort musste ich noch ein wenig warten, weil mein Süßer noch einmal zum Auto gegangen war, aber dann stand er vor mir...
*Filmriss*
Um halb drei fuhr er wieder nach Hause, es kostete mich einige Überwindung nicht loszuheulen. Ich vermisste ihn schon in dem Moment wieder, in dem er ins Auto stieg! Ich ging noch eine kurze Weile spazieren, um meine Sinne wieder zusammen zu bekommen und ging dann in mein Zimmer, wo ich bis zum Abendessen blieb. Ich verbrachte die Zeit mit Lesen und Schreiben und Heulen und Telefonieren.
Irgendwann war es Zeit für das Abendessen, kalte Platte, bei dem meine Tischkameraden nach meinem Besuch fragten. Ich versuchte zu lachen und zu plaudern und zu scherzen, aber meine Stimmung war eher melancholisch. Ziemlich bald verabschiedete ich mich ins Zimmer. Dort telefonierte ich noch einmal mit meinem Schatz, lag um acht bereits im Bett, mit Ohrstöpsel voller Musik, die Gedanken frei schweifen lassend.
Ich glaube, ich bin recht bald eingeschlafen, um zehn erwachte ich und schaltete die Musik ab, sofort schlief ich wieder ein.

Heute morgen war ich wie erschlagen, ich kam trotz Weckrufs um sechs erst um fünf vor sieben aus dem Bett. Entweder hatte ich Schlaf dringend nötig oder ich hatte zu viel geschlafen.
Mit schwerem Kopf schleppte ich  mich zum Frühstück, Vollkornbrot mit Butter und Marmelade. Ich legte noch Bananenscheiben obenauf, diesen Luxus gönnte ich mir.
Wäsche habe ich heute auch gewaschen. Und ich ging schwimmen, heute war ich eineinhalb Stunden im Wasser.
Wobei ich ein witziges Erlebnis mit der Piratenbraut hatte. So nennen wir das gezierte Püppchen unter uns Tischgenossen, weil sie in letzter Zeit immer rosafarbene und rote Tücher so ins Haar gebunden hat, als wäre sie die alternde Kusine von Captain Jack Sparrow.
Es war ziemlich viel los, bei 14 Leuten, die in Bewegung sind, ist das Schwimmbecken überfüllt. Alle sind schon im Kreis geschwommen, ich hab mich in ein Eck verzogen und meine Unterwasserübungen gemacht, die Piratenbraut (die gestern ganz enge Jeans anhatte, bei denen oben der Stringtanga raussah, igitt) schwamm kreuz und quer und bei mir vorbei und meinte in meine Richtung „Schwimmen, schwimmen, schwimmen!“
Ich lächelte sie hilflos an, weil mir nicht ganz klar war, ob sie nun mit mir sprach oder völlig ausgeklinkt war. Aber als sie das nächste Mal an mir vorbeikam, sagte sie wieder in meine Richtung: „Schwimmen, schwimmen, schwimmen!“
Ich erwiderte nur „Nicht bei dieser Meute“ und verzog mich in ein anderes Eck.
Nach einer Stunde begann sich das Becken  zu leeren und ich hatte die Möglichkeit ein wenig zu kraulen und rückenzuschwimmen. Ein Typ war auch noch da, ein schon älterer, der sich immer voll auf sportlich gibt und über andere schimpft, wenn sie mit dem Lift fahren anstatt die Treppe zu benutzen, und dabei aussieht wie der kleine Bruder von Yul Brunner. Als der sah, dass ich als Abschluss Dehnübungen mache, sah er mir eine Weile zu und fing dann auch damit an. Ich musste direkt grinsen, als ich das mitbekam.
Ich verließ das Schwimmbecken keine Minute zu früh, denn gerade als ich rausging, kam der ungute „Professor“ (so nennen ihn ein paar Leute hier), der mich so blöd anmachte und dann so dämlich mit mir sprach, herein. Er hatte mich am Vortag mit meinem Schatz gesehen und, siehe da, konnte mich plötzlich ganz normal grüßen. Depp, blöder!
Zurück im Zimmer habe ich ausführlich geduscht und die Haare gewaschen und mich von oben bis unten eingecremt. In der Zeit bis zum Mittagessen schrieb ich noch ein paar Karten, und dann war es eh schon wieder Zeit. Der Speiseplan kündigte Hendl an, mit Curryreis und Kohlsprossen. Ich bekam überbackenen Broccoli mit Petersilkartoffeln, das war vielleicht lecker!
Und als Dessert hausgemachtes Apfeljoghurt, das leider ziemlich sauer war. Die Leute, die nicht zum Abnehmen hier sind, bekamen sogar ein Stück Himbeer-Joghurttorte. Ich bin immer wieder  auf´s Neue fasziniert, wie schön angerichtet hier alles serviert wird. Am Dessert gibt es meistens irgendein mit Kakao oder Zimt aufgestreutes Muster, heute war es ein Schmetterling, sonst sind es gerne Herzchen.
Unsere Tischgemeinschaften werden immer lebendiger. Waren es bis vor einer Woche noch die Leute am Nebentisch, die durch ihr Lachen aufgefallen sind (inzwischen sind alle von ihnen abgereist), so sind es jetzt wir. Susi lockert das Gespräch auf, sie versteht sich mit jedem und lockt irgendwie jeden aus sich heraus. Ich bewundere diese Frau immer mehr, ihre humorige Art, die Scheu von den Menschen zu nehmen. Die Plaudertasche namens Hermi klagt nicht einfach mehr monoton über ihre Familie, sondern erzählt konkret, was sie aufregt und was sie ändern muss. Und sie kann auch richtiggehend humorig sein. Ich frage mich, warum ich in dieser Beziehung nicht so sein kann wie Susi. Ich habe Hermi geduldig zugehört, aber dadurch habe ich nichts verbessert, war nur auch selber deprimiert. Susi fungiert so ganz nebenbei als Supervisor. Liegt vielleicht daran, dass sie mehr Lebenserfahrung hat als ich und auch sehr offen du selbstbewusst ist. Eine Eigenschaft, die mir abgeht...
Heinz geht auch so richtig heraus, lacht, erzählt lustige Dinge. Susi neckt ihn auch gerne ein bisschen. Er weiß wohl, dass das nur im Scherz ist, aber es scheint ihm doch Selbstvertrauen zu geben. Ich hätte mich das nie getraut! Aber ich bin auch um einiges jünger als Heinz, zwischen Susi und ihm dürften nur ein paar Jahre liegen. Na, jedenfalls fühle ich mich nun in unserer Runde so richtig wohl.
Heinz hat mir heute voller Stolz erzählt, dass er es heute zum ersten Mal geschafft hat, seine Socken ohne große Umstände anzuziehen, weil er hier schon um so vieles gelenkiger ist. Sowas hätte er vor einer Woche nie erzählt! Aber inzwischen kennen wir einander auch besser und sind vertrauter im Umgang miteinander.
Nachmittags las ich etwas irische Literatur und setzte mich endlich einmal hin, um ein Konzept für eine neue, größere Geschichte auszuarbeiten. Ich bin ein gutes Stück weitergekommen, aber das wird wirklich eine große Story, da werde ich wohl noch länger daran sitzen. Zwischendrin hat mich mein Schatz angerufen, er war gerade bei der Taufe unseres Neffen. Na, eigentlich beim Essen danach, total nobel, in Velden! Es tut immer so gut, mit ihm zu reden!
Tja, und als ich so an meiner Geschichte arbeitete, verflog die Zeit wie nichts. Es war schon wieder Zeit für das Abendessen, es gab Gemüseterrine. Und jede Menge Unterhaltung und Gelächter bei Tisch.
Als wir wieder in die Zimmer gingen, standen Hermi, Susi und ich noch lange am Gang und plauderten,  Hermi machte einmal dem ganzen Frust über ihre Situation mit ihren Eltern Luft. Heinz kam noch einmal aus seinem Zimmer, um uns etwas zu zeigen, und die Blödlerei ging frisch fröhlich weiter.
Irgendwann hatten wir ausgetratscht und verschwanden in unsere Zimmer. Und nun tippe ich hier, lausche klassischer Musik und warte auf einen Anruf von meinem Schatz. Und bin schon wieder (oder noch immer) müde, aber daran kann auch das Wetter schuld sein. Ich wollte heute wandern gehen, aber es hat den ganzen Tag ziemlich stark geschneit, da habe ich darauf verzichtet.
Ich werde mich wohl bald wieder auf die Matratze werfen.

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