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Tag 01

Aflenz, 8.11.2007

Tag 1 – Reise und Ankunft

Als ich vor etwa einem halben Jahr die Bestätigung dafür bekam, dass ich zur Kur nach Aflenz dürfe, freute ich mich riesig. Voller Begeisterung erzählte ich meiner Schwester Stefanie davon und malte mir aus, was ich bei meinem Aufenthalt alles machen könnte. Laut Broschüre würden mir Hallenbad, Sauna, psychologische Betreuung und modernste diagnostische Möglichkeiten zur Verfügung stehen.
Je näher der Tag der Abreise kam, umso getrübter wurde meine Stimmung. Für drei Wochen Mann und Heim zu verlassen wollte mir immer weniger behagen. Ich freute mich zwar immer noch darauf, für Kur und Urlaub insgesamt fünf Wochen nicht zur Arbeit zu müssen, aber ich wollte weder weg von meinem Schatz noch ihn mit der ganzen Arbeit in und ums Haus alleine lassen. Aber gerade mein Liebster machte mir Mut die Sache durchzuziehen. Er meinte immer wieder, diese Gelegenheit sei ein Geschenk und ich sollte sie am Schopf packen.
Nun gut, ich wusste ja, dass er Recht hatte. Also begann ich für ihn zu kochen und die Speisen portionsweise einzufrieren, damit er in meiner Abwesenheit nicht zu hungern brauchte.
Letzte Woche machte ich noch einen Großeinkauf, damit mein Liebster ja wirklich alles zuhause hatte, was er brauchen würde. Ein paar Kleinigkeiten wie Badeschlapfen und festes Winterschuhwerk musste ich auch noch für mich besorgen, dann war ich gewappnet.
So halbwegs.
Letzten Sonntag stellte ich eine Liste all der Dinge zusammen, die ich nach Aflenz mitnehmen wollte.
Eine sehr lange Liste!
Und dann gab es noch die Liste über all die Dinge, die ich vor meiner Abfahrt noch erledigen wollte. Leider war ich in den letzten Wochen völlig ausgelaugt und ließ alle Zügel schleifen. Ich war nicht fähig die Wäsche ordentlich zu versorgen, geschweige denn zusammenzuräumen und zu putzen!
Das letzte Wochenende hatte ich dienstfrei, am Sabbat schlief ich einmal so richtig aus und prompt ging es mir wieder besser. Sonntags hatte ich wieder so viel Energie das Putzen anzupacken. Was ein bisschen Schlaf ausmacht! Na ja, die von meiner Hausärztin verschriebenen Vitamine werden auch ihren Teil geleistet haben..
So waren die letzten Tage geprägt von Wäsche versorgen, Sachen verräumen, putzen, kochen und packen. Da mein Schatz montags wieder arbeiten musste übernahm ich auch die Spaziergänge mit unserem etwas dämlichen Vieh von Hund.
Bereits dienstags verspürte ich eine gewisse Unlust zu weiterer Arbeit. Obwohl, Unlust war es keine, sondern Müdigkeit. Ich stand mit meinem Liebsten morgens um sechs auf und war von da an den ganzen Tag auf den Beinen. Dazu nahmen Nervosität und Aufregung zu. Und die Trauer.
Ich wollte es meinem Süßen nicht zeigen, aber ich fürchtete mich schon sehr vor den drei Wochen, in denen ich nicht morgens mit ihm kuscheln können würde und mich nicht abends an seine Schulter schmiegen. Irgendwie rannte die Zeit nur so dahin, plötzlich war es Mittwoch nachmittag. Ich besuchte noch eine von unserer Firma organisierte stinklangweilige Schulung, nur um bei meinem Liebsten sein zu können. Heimgekommen musste ich mit dem Hund eine Runde drehen, dann machte ich mich endgültig ans Packen. Ein paar Dinge hatte ich ja schon bereitgelegt, nun kam der ganze Rest. Am Schluss stand ich vor einem Riesenberg an Klamotten, Toiletteartikel und sonstigen Kram. Ich wusste, dass ich das alles niemals in die vorbereiteten Taschen bringen würde, also musste ich aussortieren. Etwa die Hälfte aller vorbereiteten Shirts und auch einiges an Büchern und anderen Dingen musste ich zurücklassen.
Im Endeffekt packte ich trotzdem eine große Reisetasche, eine etwas kleinere Umhängetasche und einen Rucksack voll. Proppenvoll. Ich war streng nach Liste vorgegangen, und als mich mein Schatz fragte, ob ich hiervon nicht zuviel und davon vielleicht zu wenig hatte, weigerte ich mich auch nur irgendwas wieder aus- oder dazuzupacken.
Das gemeinsame Abendessen verlief halbfröhlich, wir waren beide sehr müde. Ich hatte zwar vieles an liegengebliebener Hausarbeit geschafft, aber nicht alles, was mich etwas ärgerte. Außerdem drückte immer deutlicher die Last auf mir, dass ich meinen geliebten Mann für drei Wochen verlassen musste.
Wir fielen quasi ins Bett, so müde, dass wir nicht einmal die Gunst einer letzten gemeinsamen Nacht (für längere Zeit zumindest) nützten. Arm in Arm schliefen wir ein.
Einmal musste ich in dieser Nacht noch aufstehen, um einem winselnden Hund abzustellen. Ansonsten schlief ich wie ein Stein.

 Nun war es Donnerstag, der Tag der Abreise. Mein Zug würde erst um zirka dreiviertel elf in Klagenfurt wegfahren, ich hatte also keinen Stress. Ein paar Kleinigkeiten wollten noch erledigt werden, ich ging eine kurze Runde mit dem Hund, verabschiedete mich von unseren Schweinis, legte noch ein paar Holzscheite in den Ofen und machte mich um etwa acht Uhr auf.
Ich hatte mit meinem Süßen ausgemacht, dass ich den Wagen in Klagenfurt stehen lassen und er ihn im Laufe meiner Abwesenheit zum Service in die Werkstatt bringen würde.
Um halb neun trafen wir uns in einem Cafe, wo wir noch etwas Zeit miteinander verbrachten (er hatte heute eine sehr lange Dienstpause).
Als er mich zum Bahnhof brachte, bot ich ihm an, dass er gleich weiterfahren könne, er müsse nicht erst am Bahnsteig von mir Abschied nehmen. Aber obwohl ihn die Blase sehr drückte hielt er tapfer durch und brachte mich in den Zug.
Am Bahnsteig verlor ich dann doch meine mühsam zusammengekratzte Beherrschung und heulte los. Ich schmiegte mich zwar an die Schulter meines Mannes um ihm nicht zu zeigen, wie es mir ginge, aber er kennt mich einfach zu gut, er wusste sofort, was los war. Ich versuchte wirklich mich zusammenzunehmen, aber beim Einsteigen in den Zug und einem letzten flüchtigen Abschiedskuss flossen wieder die Tränen über meine Wangen.
Im Zug fand ich zum Glück relativ schnell einen guten Sitzplatz, denn mit meinem Gepäck und überhaupt meinem Volumen war es nicht lustig sich durch die engen Gänge der Waggons zu quetschen.
Im von mir ausgewählten Abteil saßen bereits ein Herr in sehr fortgeschrittenem Alter und eine verlebt aussehende Frau um die Vierzig, die sich mit Jacken und Taschen schon auf drei Sitzen ausgebreitet hatte.
Als der nette ältere Herr bei St. Veit ausstieg, hatten die ständig telefonierende Frau und ich das Abteil für uns. Madame nutzte das sofort und legte die Füße auf einen Sitz. Dann stellte sie ihren Laptop darauf, auf den sie erbarmungslos einhämmerte und telefonierte ständig und furchtbar wichtig über ein Filmprojekt. Und das in einer Lautstärke, die ich wirklich schon als störend empfand. Sogar die Musik, die mir mittels MP3-Player ins Ohr dröhnte, konnte sie nicht übertönen. Anscheinend brauchte die Lady das für ihr Ego, denn besonders laut wurde ihre Stimme, wenn sie von „dem Filmprojekt“ und „den Schauspielern“ oder „dem Kamerateam“ sprach. Da sie ansonsten sehr nett war beschwerte ich mich nicht, sondern ignorierte sie einfach. Ich schrieb einfach daneben an einem Konzept für eine neue Geschichte. Vielleicht  hat sie das ja mitbekommen und engagiert mich für ihr nächstes Projekt als Drehbuchautor. ;-)
Ein bisschen peinlich war mir, dass beim Tascheinsgepäcksnetzhieven und auch beim Wiederherunternehmen aus der großen Reisetasche jede Menge BBs fielen. Diese Tasche nahmen wir sonst, wenn wir zu Softairspielen fuhren, und da hatten sich wohl einige Kügelchen selbständig gemacht. Es klang ein bisschen eigenartig, als mich die Filmemacherin darauf ansprach, dass mir das was runterfallen würde und ich sagte: „Ja, ich verliere meine ganze Munition.“ Ich hatte das Gefühl, Madame würde plötzlich die Füße einziehen. Und als sie dann sah, dass ich einen relativ großen Cutter im Rucksack hatte, telefonierte sie sogar etwas leiser.
In Bruck stieg ich erstaunlicherweise unfallfrei aus dem Zug. Dummerweise machte sich genau nun meine Blase bemerkbar. Am Bahnhof hätte ich für das WC zahlen  und das Gepäck draußen stehen lassen müssen. Deswegen entschied ich mich die Backen zusammenzukneifen und bis Aflenz durchzuhalten. Leider musste ich eine halbe Stunde auf den Bus warten. Der hatte dann auch noch Verspätung, sodass ich schon ganz unruhig wurde, ob ich denn an der richtigen Stelle warten würde, und außerdem einen launischen Fahrer. Ich hatte ganz vergessen, wie wenig Platz man in so einem Postbus hat, meine Beine hätte ich am liebsten zusammengefaltet. Zudem kamen bei der zweiten Haltestelle jede Menge Schüler in den Bus, die jede Menge Lärm machten. Wieder konnte mir der MP3-Player nicht helfen. Ganz amüsant war es einer älteren Dame und zwei Herren direkt hinter mir zuzuhören, die im schönsten steirischen Dialekt sprachen. Ein eigenartiges Gefühl heimische Klänge zu hören, noch dazu so krasse! Ich horchte dann auch genauer auf das, was die Schüler so einander zuriefen, auch sie „bellten“ ganz herrlich!
Eine Kostprobe des Potpourri (genau so zu sprechen wie man es liest, also „ei“ wird „ei“ und nicht „ai“ gesprochen): „Deis hon i mia schou deinkt, doss deis netta guatgein kon.“ „Und die Bluaman san deis Joa jou wiada gounz schei gweijn.“ „Dou hout dea Deipp eicht gsogt, doss die Beitti miat iam geit!“
Kaum ein Nichtsteirer wird das verstehen!
Irgendwann, nach einer steilen Klamm und Kilometer um Kilometer wunderbarer Landschaft, kam der Bus nach Aflenz. Aflenz ist ein Nest. Ein Wirtshaus, ein Kaffeehaus, eine Konditorei, eine Kirche, ein Kaufhaus. Das hatte den Vorteil, dass ich das Kurhaus gleich fand, denn in so einem Dorf (Ich liebe kleine Orte, das nicht falsch verstehen!) kann man sich einfach nicht verlaufen. Sinnigerweise liegt das Heim gleich ganz in der Nähe von Kirche und vor allem Friedhof...
Die Leute, die mir auf der Straße begegnet sind, waren zumindest alle ausgesucht freundlich.
Im Kurheim an der Rezeption angekommen, blockierte gleich eine ganze Großfamilie, die Omi zur Kur brachte, den Eingang. Da jedoch Omi (die jetzt im Nebenzimmer wohnt) ihre Unterlagen, die man zum Anmelden benötigt, nicht fand, wurde ich vorgelassen. Ich versuchte meine Unsicherheit zu überspielen, lehnte mich gegen den Tresen, schob meine Papiere rüber und meinte: „P mein Name, ich checke ein!“ Die Dame vor dem PC fand das sogar lustig. Oder sie lächelte mich nur aus Höflichkeit an. Denn danach erklärte sie mir alles doppelt und in einem so langsamen Tempo, dass es noch der Einfältigste kapiert hätte. Jedenfalls wurde ich gleich mit jeder Menge Info zugeschüttet.
„Das hier ist Ihr Zimmerschlüssel, eine Chipkarte wie in modernen Hotels. Sie müssen da ein Guthaben von mindestens 10 Euro hinaufladen, gleich da am Apparat hinter Ihnen geht das, denn acht Euro sind der Einsatz und zwei müssen Sie immer auf der Karte haben. Telefon und Fernseher wird alles über diese Karte bezahlt. Wenn Sie ins Zimmer kommen, dann müssen Sie die Karte in den Kartenleser im Türstock stecken, denn nur dann haben Sie Strom....undundund“ Außerdem sollte ich sofort in die Ambulanz gehen zu einer kleinen Erstuntersuchung. Und ich musste doch so dringend aufs Klo, war total verschwitzt und in dem Heim hatte es eine Temperatur wie in einer finnischen Sauna. Außerdem hatte ich ja noch immer jede Menge Gepäck dabei.
Anscheinend war mir meine Not anzusehen, denn die Dame an der Rezeption meinte, ich könne auch zuerst aufs Zimmer und mich ein wenig frisch machen.  Dann erklärte sie mir noch, wie ich durch das hauseigene Labyrinth auf mein Zimmer, in die Ambulanz und zum Abendessen um 17.40 in den Speisesaal käme. Um 18.30 würde es eine Führung durchs Haus geben, da könnte ich gerne mitmachen.
Gut, also, ich will in mein Zimmer.
Eigentlich bin ich ja zum Abnehmen hier, aber mit drei Taschen nahm ich dann doch lieber den Lift. Und ich habe mein Zimmer sogar auf Anhieb gefunden, obwohl das in dem verwinkelten Haus nicht so selbstverständlich ist!
Das Zimmer, boah, ja, das Zimmer, das hat mich schier überwältigt. Ein Einzelzimmer, größer als zuhause mein Schlafzimmer, und das ist schon recht groß. Die Wände hell, teilweise mit Holz verkleidet. Das Bett nicht an der Wand, sondern von beiden Seiten zugänglich (hoffentlich falle ich nachts nicht raus). Kästen und Kommoden, so viel, dass nach Einräumen meiner Sachen nicht einmal ein Viertel davon voll ist. Fernseher mit eigenem Infokanal (Die anderen Kanäle habe ich nicht freischalten lassen, drei Wochen ohne TV, das wird herrlich! Würde auch pro Tag 1,09 Euro kosten!) und drei Radioprogrammen. (Die sind gratis!)
Ein Schuhregal, in das sicherlich 12 Paar Schuhe passen. Und das Bad! Die Dusche so geräumig wie ein Vorzimmer (rollstuhlgerecht!), ein riesiger Spiegel, eine riesige Ablage, Waschbecken, WC und BIDET!
Im Zimmer ein kleiner Schreibtisch und eine Lehnsessel mit Fußschemel. Und die Aussicht! Man sieht leider den Hochschwab von hier aus nicht, aber rundherum sind trotzdem lauter Berge, teilweise schneebedeckt.
Leider hängt nur ein einziges Bild an der Wand, ein kleines, das verloren wirkt. Jetzt wirken die Wände nackt und beim Reden hat man direkt einen leichten Hall.
Gut, also schnell die Klamotten vom Leib gefetzt, etwas Leichteres angezogen, etwas gewaschen und ab in die Ambulanz. Dort wurde von einer Schwesternschülerin ein EKG gemacht und von einer anderen die Anamnese erstellt. Da mein Blutdruck von zu wenig Flüssigkeit und der ganzen Aufregung sehr hoch war, bekam ich sogar ein Glas Wasser gereicht. Nach zehn Minuten war ich schon wieder fertig und durfte mit ein paar Infos mehr im Hirn (und auf einem Blatt Papier) den Abend nach eigenem Gutdünken gestalten.
Da war es kurz nach drei.
Abendessen wäre erst um 17.40.
Gut, also genug Zeit um Auszupacken. Danach noch genug Zeit für ein bisschen Ruhe. Und dann noch genug Zeit, dieses Tagebuch zu beginnen. Und um vom Fenster aus einen wunderschönen Sonnenuntergang zu beobachten. Um halb sechs machte ich mich auf dem Weg.
Ich habe den Speisesaal sofort gefunden (Futter finde ich immer ;-)), er war noch verschlossen und fünf Leute warteten bereits davor.  Innerhalb der nächsten fünf Minuten, waren es etwa hundert, die warteten. Der Lärmpegel war gigantisch, ich stand mitten unter lauten wildfremden Menschen und dachte nur „Hilfe!“
Ich war während zweieinhalb einsamen Stunden im meinem Zimmer zum Einsiedler geworden!
Wenigstens konnte ich bei dieser Gelegenheit die anderen Kurgäste etwas genauer betrachten, und zwei meiner Befürchtungen haben sich nicht bestätigt: Ich bin hier nicht die jüngste und beileibe auch nicht die Dickste!
Das Publikum hier ist komplett gemischt, es gibt Junge und Alte, Dicke und Dünne, Elegante und Abgehalfterte, Gesundheitsapostel und Alkoholiker, Große und Kleine, Esser und Fresser.
Zum Abendessen bekam ich Tafelspitzsülze auf Blattsalat mit Vollkornbrot. Ups, da hatte jemand übersehen, dass ich Vegetarier bin. Ein Tischnachbar meinte, ich solle mich rühren, dann bekäme ich sicherlich was anderes. Aber ich wollte nicht am ersten Abend schon Stunk machen. Da stand er auf und sagte der Dame bei der Essensausgabe, dass ich kein Fleisch esse.
War mir das peinlich!
Aber man brachte mir sofort eine Auswahl an Aufstrichen für meine Brote mit der Info, ich  müsse der Diätassistentin, zu der ich morgen auch muss, sagen, dass ich Vegetarier bin, dann wird mein Essen danach gerichtet. Na, die werden sich freuen, wenn ich sage, ich möchte vegane Kost! Aber laut meinen Tischnachbarn ist die Küche hier für alles gewappnet.
Meine Tischnachbarn waren/sind alle um einiges älter als ich und sehr nett. Und von der Dame mir gegenüber kenne ich bereits die halbe Lebensgeschichte.
Ich hasse das! Irgendetwas habe ich an mir, das andere Menschen dazu verleitet, mir bereits fünf Minuten nach dem Kennenlernen alle ihre Probleme zu erzählen. Wahrscheinlich ist außer  mir keiner so höflich zuzuhören, wenn jemand den Drang hat etwas zu erzählen.
Die Führung nach dem Essen war sehr nett, noch mehr Info zu verarbeiten.
Außerdem gibt es hier im Zimmer noch Informationsblätter.
Aber so habe ich wenigstens erfahren, dass ich Schwimmbad (Tiefe 1,40 Meter, Wassertemperatur 29 Grad, Luft 31 Grad Celsius – da werde ich wahrscheinlich selbst im Wasser schwitzen!) und Sauna zu festgelegten Zeiten auch ohne Therapievorschrift benutzen kann, ebenso einige Fitnessgeräte wie Hometrainer, Stepper, Laufband und Rudergerät, ich im Haus Internetzugang haben kann (für eine halbe Stunde ein Euro), es eine gratis Bibliothek gibt, ebenso einen Spielraum für Palanka, Tischtennis, Darts und mehr und ich auch gratis Wäschewaschen und Schuheputzen (mit Automat) kann.
Wow!
Wieder im Zimmer habe ich mit meinem Schatz telefoniert.
Und jetzt schreibe ich diesen Bericht fertig, gehe dann duschen und gleich danach in die Heia, denn ich bin saumüde und es ist bereits kurz nach neun.
Achja, um 22.00 ist Sperrstunde, um 23.30 müssen alle im Zimmer sein, um 6.00 wird das Tor wieder aufgesperrt.
Da es erst um 7.00 Frühstück gibt, ist das genug Zeit für einen Morgenspaziergang!

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Tag 02

Aflenz, 9.11.2007

Tag 2 – langsam geht es los

Die letzte Nacht war der Horror. Gestern abend löste ich beim Duschen unabsichtlich den Notfallsalarm aus, weil ich an einen der unzähligen in bad und Zimmer angebrachten Alarmknöpfe angekommen bin.
Dann konnte ich ewig nicht einschlafen.
Und als ich dann endlich geschlafen habe, war ich gleich wieder munter, das ging die ganze Nacht so. In den kurzen Schlafphasen habe ich absoluten Nonsens geträumt.
Heute morgen wollte ich so gar nicht aufstehen, weil ich gegen sechs endlich ordentlich eingeschlafen war. Der erste Wecker ging um sechs ab, der zweite um viertel sieben. Na wunderbar!
Im Badezimmer bekam ich dann gleich einmal heftigstes Nasenbluten, das gar nicht mehr aufhören wollte. Mein Hals war trocken, meine Augen zugeschwollen, ich hatte meine Tage ungewohnt stark, alles in allem ein wunderbarer Start in den Morgen.
Irgendwie habe ich mich doch zum Frühstück geschleppt, wo ich zu meiner Überraschung ein ganzes Vollkornweckerl mit Schmelzkäse bekam. Dazu durfte ich mir zwei Stück Obst nehmen. Die waren zwar als Vormittagsjause gedacht, aber da ich nichts halte von  der Theorie, dass fünf Mahlzeiten am Tag gesund wären, diente mir die Banane als Brotaufstrich und der Apfel als Dessert. Prompt habe ich mir ein hartes Stück vom Kerngehäuse unter meine Brücke gebissen. Dann tauchte auch noch meine gesprächige Tischnachbarin auf, die sich bemüßigt fühlte, mir die Krankengeschichte ihrer Tochter zu erzählen. Ich muss gestehen, dass ich zwischendrin echt nur einen interessierten Blick aufgesetzt und einfach weggeschalten habe. Was interessiert mich, dass die ständig Vaginalpilze hat und man festgestellt hat, dass sie auf die halbe Natur allergisch ist???
Ich habe geschaut, dass ich mit meinem Essen fertig werde und abhauen kann. Aber Madame war plötzlich auch fertig und machte sich mit mir gemeinsam auf den Weg in ihr Zimmer. Zum Glück sind wir ja auch noch Zimmernachbarn.
Gleich ging es weiter zur Erstuntersuchung bei einem der Ärzte. Für 7.45 waren ich und noch ein anderer Neuling geladen. Um acht kam dann mal der Herr Oberarzt daher, ein Hüne mit verbissenem Gesichtsausdruck. Na danke!
Ich ließ dem anderen Neuling den Vortritt und sollte um kurz vor neun wiederkommen.
Es ging mir kreislaufmäßig und nervositätstechnisch gar nicht gut, deswegen zog ich mich für die Dauer des Wartens in den Leseraum zurück. Ich merkte, dass mein Blutdruck sicherlich schon wieder high up in the sky war und fürchtete mich vor dem Arztgespräch. Inzwischen glaube ich wirklich, dass ich eine  Weisskittelphobie habe! Sobald ich zu einem Arzt oder Therapeuten muss, bin ich nervös. Das habe ich ganz sicher meiner ehemaligen Chefin zu verdanken, die immer im weißen Kittel herumlief und furchtbar wichtig war, aber das ist eine andere Geschichte.
Um dreiviertel neun war ich wieder vor der Ordination und durfte noch bis zehn nach neun warten.
Dann war ich dran.
Der Doktor war streng, ernst, aber freundlich. Er führte ein Anamnesegespräch mit mir, untersuchte mich ein wenig und hielt mir einen strengen Vortrag. Mann, das war für mich ja ganz was Neues, dass ich Übergewicht habe und das gefährlich für mich sein kann. Dass mein Herz schon übermäßig belastet ist und ich durch meine erbliche Vorbeastung sicherlich einmal Diabetes bekomme, was durch mein Übergewicht schon sehr früh passieren kann. (Laut diesem Kurarzt habe ich sogar schon eine Art „Vordiabetes“, was absoluter Schwachsinn ist, denn erstens sind meine Zuckerwerte immer total okay und zweitens hat man entweder Diabetes oder nicht, aber keine Vorstufe!)
Klar, das sind ernste Nachrichten und er muss sie mir so sagen, dass ich sie auch ernst nehme. Aber ich habe das alles schon so oft gehört... Ich weiß, dass ich krank bin, deswegen bin ich ja auch hier. Würde ich mir das alles nicht eingestehen, würde ich mich kaum für lange teure drei Wochen auf Kur begeben!
Ich muss ihm aber zugute halten, dass er auch den psychologischen Aspekt an der Sache berücksichtigt, mir auch Psychotherapie verordnet hat, und mir relativ viel zutraut. Aber wegen meinem Blutdruck hielt er mir eine Rede, den muss ich jetzt ein paar Tage lang kontrollieren, und wenn sich da keine Besserung tut, dann wird er mir was verschreiben. (Ich schweig mich jetzt mal darüber aus, dass er nur den Wert hernahm, der gestern gleich nach meiner Ankunft von einer Schülerin genommen wurde...) Mit so was hatte ich schon gerechnet, ich möchte zwar so lange wie möglich ohne Medikamente auskommen, aber er hat schon Recht wenn er sagt, dass ich eher jetzt, wo es quasi doppelte Arbeit leisten muss,  mein Herz unterstützen soll, denn wenn einmal ein Schaden da ist, dann kann ich nichts mehr machen. Also werde ich das Urteil annehmen und es als Chance sehen.
Und die Sportgeräte soll ich  meiden, schwimmen, wandern, Gymnastik müssen reichen, weil sonst mein Herz zu sehr belastet wäre. Auch gut.
Netterweise hat er mir auch Entspannungsübungen und Kreatives Werkeln verordnet. *ggg*
Aber eine Aussage machte er, bei der stockte mir der Atem: Massagen verordnet er mir keine, denn bei meiner Fettschicht käme man ja nicht mal an die Muskeln ran, es wäre also sinnlos.
Hallo? So ganz frisch ist der aber nimmer, für den bedeutet Massage wohl Muskelstränge zu vergewaltigen!
Nach diesem äußerst aufschlussreichen Erstgespräch musste ich zur Diätassistentin.
Die Diätfrau schien auch sehr erfreut darüber, mich sehr motiviert zu sehen umzudenken, mich auf Therapien und Vorschläge einzulassen und was Neues zu lernen, anscheinend erlebt sie das bei Patienten nicht oft.
Bloß bei einer Sache hatten wir beinahe eine Meinungsverschiedenheit, oder hätten eine gehabt, wenn ich nicht einfach den Mund gehalten und mir meinen Teil gedacht hätte: vegan. Sie ist der fixen Meinung, vegan zu leben sei gerade für Frauen ungesund, weil ja in rein pflanzlichen Lebensmitteln kaum verwertbare Mineralstoffe und Spurenelemente vorhanden seien. Ich bin der fixen Meinung, dass vegane Ernährung gesund ist. Warum sind denn Veganer und auch die Hardcore-Version Rohköstler durchschnittlich viel gesünder als Allesfresser oder auch Vegetarier? Aber bitte, ich bekomme meine vegetarische Kost, und das reicht mir.
Vorerst. J
Nach diesem Gespräch hatte ich noch etwas Zeit bis zu einer Multimediavorführung voller Informationen über das Haus und seine Organisation (no comment). Die nutzte ich zur Entspannung. Und um die Broschüre, die übrigens ganz toll ist, von der Diätassistentin durchzuarbeiten.

Zum Mittagessen gab es Bandnudeln mit Lachs und einer Sauce und Spargel. Ich bekam die Version ohne Lachs und der ging mir auch nicht ab. Ich wurde auch so satt. Und zu meiner großen Freude gibt es mittags hier ein Salatbuffet! Ich bekam sogar ein Dessert, einen Fingerhut voll Apfelmus mit viel zuviel Zimt.
Heute konnte ich bei einem Tischnachbarn beobachten, was mir gestern schon aufgefallen war: Der würzt alles nach. Aber nicht mit Salz (gibt es am Tisch gar keines), Knoblauchpulver oder Pfeffer, sondern mit flüssigem Süßstoff. Allein bei dem Gedanken zieht es mir alles zusammen!
Gestern kam Saccharin auf den Mais, heute in den Salat und auf den Spargel, wurgs!
Außerdem bekam ich von der Plaudertasche ein paar interessante Details über das Liebesleben ihrer Tochter.
Am Tisch war zum ersten Mal auch meine andere Zimmernachbarin, eine eigenartige Frau, die zusammenhanglose Dinge sagte und niemanden ansah. Außerdem wird sie im Haus immer von einer Schwester oder einem Zivi begleitet, obwohl sie normal gehen kann. Mal sehen, wie wir mit ihr zurechtkommen, denn die restliche Runde (wir sind insgesamt zu fünft am Tisch) versteht sich prächtig untereinander.
Da ich vom Kurarzt vorgeschrieben bekommen habe, fünfmal täglich Blutdruckkontrollen durchzuführen, machte ich nach dem Essen gleich meine erste.
Und siehe da: Blutdruck total okay, obwohl Essen anregt.
Danach hatte ich etwa eine Stunde Zeit, die ich auf dem Bett liegend verbrachte. Beinahe wäre ich eingeschlafen, aber nur beinahe.
Um zwei musste ich im Labor sein. Für genau drei Minuten, in denen man mir erklärte, was Morgenharn und Mittelstrahlharn sind. Die Labordame war so in ihrem Element, dass ich sie nicht unterbrechen wollte um ihr zu sagen, dass sie sich diese Erklärungen bei mir sparen kann. Außerdem erklärte sie mir, wie man Stuhlproben nimmt und dass ich montags nicht mal ein Frühstück bekäme wegen einer Blutabnahme. Mist! Das wird ein langer Vormittag.
Nun hatte ich den ganzen Nachmittag bis zum Abendessen zu meiner Verfügung, was machen?
Zuerst wollte ich mich hinlegen und etwas Müdigkeit abbauen. Aber gleichzeitig schrie es in mir nach einem Spaziergang. Der Blick aus dem Fenster entmutigte mich zwar etwas, denn es schneite leicht, aber ich raffte mich doch auf, zog mich um und ging ins Freie.
Ich hatte im Vorbeigehen auf einem Hügel eine Art Gedenkstelle oder etwas ähnliches gesehen, dort wollte ich hin. Aber da ich den Weg nicht fand, ging ich querfeldein über einen Steilhang. So verbrachte ich die erste Hälfte meines Spazierganges mit Bergsteigen. Um dann zu entdecken, dass ein ganz bequemer Wanderweg zu meinem Ziel führt, das sich als Informationsstelle über Österreich und seine Beziehung zu Europa entpuppte. Zurück zum Heim nahm ich den bequemen Wanderweg. Im Endeffekt war ich dann doch eine ganze Stunde unterwegs.
Wieder zurück überlegte ich, was ich nun tun sollte. Ich war verschwitzt und ein bisschen unterkühlt, ich hätte also auf jeden Fall heiß duschen müssen, so entschied ich mich schwimmen zu gehen.
Ich verbrachte eine dreiviertel Stunde immer in Bewegung im Wasser, erledigte dort auch meine Dehnungsübungen, die ich ja nach dem Spazierengehen immer machen sollte. Als ich aus dem Wasser stieg fühlte ich mich im ersten Moment schwer wie Blei. Waren die Bewegungen im Wasser recht leicht gegangen, wurde jetzt jeder Schritt zur Schwerstarbeit. Aber nach ein paar Minuten legte sich das wieder.
Direkt danach habe ich wieder meinen Blutdruck gemessen, und siehe da, er war völlig normal. Nur der Puls leicht erhöht, aber ich hatte auch gerade exzessive Bewegung gemacht.
 Die Zeit bis zum Abendessen nutzte ich zum Lesen. Ich habe so viele gute Bücher mitgenommen, aber ich bin viel zu fertig um was Ernsthaftes zu lesen! (Wenn ich nicht noch auf einen Anruf von meinem Schatz warten würde, würde ich auch sicherlich nicht hier sitzen und tippen sondern im Bett liegen und schnarchen.)
Auf dem Gang zum Abendessen traute ich mich endlich einen Mann anzusprechen, der mir schon gestern bekannt vorkam. Er ist aus Graz, ich vermute, ich kenne ihn über meinen Vater, aber der Typ kann sich an keinen „Karl D“ erinnern, obwohl ihm der Name bekannt vorkommt. Naja, hätten wir das auch geklärt.
Zum Abendessen gab es Dinkellaibchen mit Joghurtsauce und grünem Salat, garniert mit den neuesten Erzählungen meiner Sitznachbarin.
Die „neue“ Sitznachbarin war auch wieder dabei, wenn auch mit einer Viertelstunde Verspätung. Wir hatten schon philosophiert, was wohl mit ihr los sein könnte, nun sah ich sie mir genauer an und fand meinen Verdacht bestätigt: Blick, Haltung und Verhalten deuteten eindeutig auf schwere Depression und/oder Sedation hin. Sie wirkte auch örtlich desorientiert, dürfte also voll mit Medikamenten sein, denn alt genug für Morbus Alzheimer oder generell Demenz ist sie eigentlich noch nicht.
Sie tut mir leid, aber ich bin selbst als Patientin da und darf nicht sofort wieder ins Helfersyndrom verfallen. Sie hat genügend Hilfe hier. Und wenn meine private Plaudertasche so weitermacht wie bisher, dann brauche ich auch bald Hilfe, aber psychologische! Dummerweise haben wir nach jeder Mahlzeit denselben Nachhauseweg. Und wenn ich noch Blutdruckmessen gehe, dann geht sie plötzlich auch. Ich hoffe ehrlich, sie kommt nicht auf die Idee, dass wir auch gemeinsam spazieren gehen sollten.
Nach dem Essen musste ich noch meinen Therapieplan für das Wochenende (da ist eh nichts) und Montag abholen.
Da stehen ja ganz interessant Dinge drauf. So zum Beispiel als Diagnose arterieller Hypertonus. Das will der Arzt von dieser einen Messung wissen? Idiot, dem zeig ich es nächste Woche mit den schönen Werten auf meinem Protokoll! Außerdem bekomme ich eine Reduktionskost mit 1000kcal am Tag. Und meine Histaminintoleranz steht auch drauf, das heißt, Wein und überreifen Käse werde ich hier nicht bekommen, auch kein Bier! *lol* Dann steht noch drauf, dass ich schwimmen und in die Sauna darf.
Weiters steht folgender Satz dabei: „Sie haben die Möglichkeit am Entspannungstraining und an den Körperübungen (Yoga) teilzunehmen.“ Das Gleiche steht da auch für die Möglichkeit der Kreativtherapie. Ich habe den Typen an der Rezeption, von dem ich den Wisch bekommen habe, gefragt, ob ich mich dafür anmelden müsse oder ob man da einfach hingeht. Hat der mir einen Zettel gezeigt, auf dem steht, ich solle die täglichen Aushänge mit den Informationen beachten. Hä?
Ja schon, aber soll ich mich da für den Kurs anmelden oder kann ich einfach hingehen? Zeigt der mir das ungeduldig noch einmal, so als wäre ich nicht ganz knusper. Da bin ich gegangen, genauso schlau wie vorher.
Na gut, wie sieht also der Montag für mich aus?
Kein Frühstück, weil um sieben Blutabnahme im Labor. Aber vielleicht geht sich danach ja noch ein schnelles Frühstück aus, denn um 7.45 habe ich eine Schulung über Blutdruckselbstkontrolle. Als der Arzt das eingeteilt hat, hat er wohl nicht aufgepasst, immerhin sagte ich ihm, dass ich ausgebildete Pflegerin bin, da sollte ich mich damit wohl auskennen. Aber vielleicht lerne ich ja was Neues.
Um 14.30 Unterwassergymnastik.
Und Ende.
Ich habe also wieder genügend Zeit, so wie am Wochenende, zum Schwimmen und Wandern und „Entspannen“.
Als ich ins Zimmer zurückkam, sah ich aus dem Fenster – draußen ist alles weiß, es hat geschneit. Hoffentlich ist das bis zum nächsten Wochenende weg, denn bei Schnee kommt mich mein Schatzili nicht besuchen...
Außerdem geht ein ziemlicher Sturm, was bedeutet, dass ich das Fenster über Nacht nicht offen lassen kann. Denn die Türen sind hier alle nicht abgedichtet, unten hat man ein paar Zentimeter Spalt, es zieht wie in einer Vogelsteige!
Ich werde jetzt noch einmal meinen Blutdruck messen gehen, dann wird hoffentlich mein Süßer anrufen, und dann geht es in die Heia!

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Tag 03

Aflenz, 10.11.2007

Tag 3- Faulenzen und gar nichts tun

Heute habe ich im Prinzip den ganzen Tag über gar nichts getan. Ich war nicht einmal spazieren, schuld daran sind die drei Stunden Nachmittagsschläfchen *husthust* und der ewige Schneefall.
 Die paar Flöckchen von gestern haben sich nämlich über Nacht in saftigen Schneefall verwandelt, als ich heute morgen aufstand, traf mich fast der Schlag. Aufstehen wollte ich ja eigentlich um sechs, geworden ist es dreiviertel sieben. Da ich auch unbedingt noch  meine Morgenandacht gründlich halten wollte, kam ich erst um halb acht zum Frühstück. Das ist aber kein Problem, Frühstückausgabe ist immer von sieben bis acht, wochenends sogar bis viertel neun.
Es war mir gar nicht unrecht, dass ich erst so spät zum Essen kam, denn die Plaudertasche war da schon fertig mit ihrem Essen. Leider hat sie das nicht daran gehindert sitzen zu bleiben und mich zuzutexten, diesmal ging es wieder um ihre eigene Leidensgeschichte. Und um die verpatzte Beziehung ihres Sohnes, aus der er nun einen Sohn hat, der aber dauernd bei ihr ist. Interessant! Ich habe inzwischen eine Technik entwickelt, bei der ich mich ausklinken kann und trotzdem weiß, wovon sie redet...
Irgendwie kamen wir dann am Tisch auch auf das Thema Glauben zu sprechen, ich glaube, es ging darum, dass ich sagte, ich sei froh heute keine Therapien zu haben und hoffe, dass ich samstags nie welche habe, da ich ja den Sabbat halte. Zwei am Tisch (die Depressive erscheint nicht mehr zum Essen)  sind dann gegangen, während ich mit dem dritten, einem besserwisserischen Wiener (Die Plaudertasche ist übrigens auch Wienerin, was habe ich bloß verbrochen um das zu verdienen?) weiter diskutiert habe. Sinn hatte es keinen, denn er hält die Evolutionstheorie und das Milliardenalter des Universums für bewiesen und deshalb mich für dämlich, weil ich „bewiesene Tatsachen“ anzweifle. Gesagt hat er es nicht so, aber ich verstand wohl, was er meinte.
Interessanterweise hat er sein Verhalten mir gegenüber nicht verändert und plaudert weiterhin mit mir/uns über alles Mögliche. Das rechne ich ihm hoch an, denn die meisten Menschen machen einen Bogen um mich, wenn sie erfahren, dass ich „dumm“ genug bin an Gott und die Wahrhaftigkeit der Bibel zu glauben.
Irgendwann habe ich dann zu ihm gesagt, es hätte keinen Sinn weiterzudiskutieren, denn wir wären an einem Punkt angelangt, an dem es nur mehr um Überzeugungen und Glauben geht, und da keiner bereit ist von seinem Standpunkt abzuweichen gäbe es auch keinen Konsens.
Ich glaube, diese Einsicht beziehungsweise Aussage hat ihn begeistert, deswegen wendet er sich nicht ab. Ist jetzt aber auch nur Spekulation.
Den Vormittag habe ich mit dem Weiterdurchackern von „Patriarchen und Propheten“ verbracht, inzwischen hat David so einiges angestellt und Saul ist tot, gestorben durch seine eigene Hand. Zwischendrin rief mich mein Schatz an, er war gerade bei der Arbeit, bei Erna (die alle diejenigen kennen, die früher meinen Jobblog gelesen haben), die so gar keine Reaktion zeigte, wenn er ihr zu essen geben wollte. Also rief er mich an um nebenbei ein bisserl mit mir zu plaudern. (Aber psssst, das tun wir normalerweise nicht, während der Arbeit telefonieren!)
Gegen zehn begann plötzlich mein Magen so zu knurren, dass ich wirklich versucht war, die mitgenommene Banane zu verdrücken. Aber da ich heute nur ein Stück Obst ergattern konnte (Kiwi wollte ich keine), wollte ich mir die Banane für den Nachmittag aufheben. Ich habe also den Magen nur mit etwas Tee und einem Spaziergang im Haus beruhigt. Um elf krachte er aber wieder enorm, aber diesmal dachte ich mir, dass es wohl keinen Sinn hätte eine Stunde vor dem Mittagessen noch was in mich reinzustopfen.
Ich fand es auch eigenartig, dass ich solchen Hunger hatte, obwohl ich zum Frühstück ein ganzes Kürbiskernweckerl mit Kräutertopfen hatte. Und Schwarztee mit Milch, diesen Luxus habe ich mir gegönnt!
Aber ich habe bis zum Mittagessen durchgehalten und wurde mit etwas wirklich Feinem belohnt! Am Speiseplan stand Sauerbraten mit Semmelrolle und Rotkraut (Warum Rotkraut? Wir sind hier immer noch in Österreich, da heißt das bitte Blaukraut!). Ich liebe Semmelknödel und Blaukraut, dazu gab es eine leckere Gemüsesauce, es war ein richtiges Feiertagsessen, genau das Richtige für den Sabbat! Und ich bekam sogar ein Dessert, ein Fruchtjoghurt, aber frisch zubereitet mit Bananen- und Erdbeerstückchen. Mjammi!
Ich versuche nun wirklich sehr langsam zu essen, jeden Bissen gut zu kauen, die Speisen wirklich zu schmecken, beim Essen ein paar kleine Pausen einzulegen. Und es funktioniert, ich bin von einer relativ kleinen Portion pappsatt.
Obwohl ich jetzt gerade sehr der Versuchung ausgesetzt bin, hinunter zum Kiosk zu gehen und mir Schokolade zu holen, die sie dort sinnigerweise anbieten, ebenso wie jede Menge anderer ungesunder Leckereien. Aber ich halte durch!
Nach dem Essen wollte ich ein kleines Mittagsschläfchen machen, um danach etwas im Schnee spazieren zu gehen. Ich habe unruhig, mit heftigen Träumen bis kurz nach vier gepennt! Ich glaube, ich hatte etwas Nachholbedarf.
Um vier hat es so heftig geschneit, außerdem wurde es schon ziemlich dunkel, dass ich dann doch nicht mehr das Haus verließ. Es war mir zu gefährlich im Schnee bei schlechter Sicht auf Wegen, die ich nicht kenne, wandern zu gehen. Ich spazierte nur ein bisschen im Haus umher, verbrachte die meiste Zeit im Zimmer (Außer einer halben Stunde am Vormittag, in der ich für die Raumpflegerin das Feld räumte. Da ich morgens mein Bett selbst auf Krankenhausart gemacht hatte, rührte sie das nicht einmal an, tststs.)
Ich hatte kaum zwei Kapitel gelesen, da war es schon wieder Zeit für das Abendessen. Heute gab es „Kalte Platte“, die für mich so aussah, dass ich zwei kleine Stück Vollkornbrot, vier Blatt Käse, zwei Viertel Tomaten, drei Streifen Paprika und eine halbe Essiggurke bekam. Klingt jetzt wenig, aber ich wurde satt. Bloß jetzt, gerade mal eineinhalb Stunden später, plagt mich ein Mordsappetit auf etwas Süßes. Aber ich halte durch!
Der Wiener bekam fast einen Tobsuchtsanfall, als er die Tomaten auf seinem Teller (der auch mit Schinken beladen war) sah, da er keine Tomaten mag und die Küche das auch weiß. Der tobte total ab, beruhigte sich aber, als ich ihm die zwei Stückelchen nach Wasser schmeckender Paradeiser abnahm. Der wollte tatsächlich alles hinschmeißen und ins Wirtshaus essen gehen wegen dieser Lappalie. Mich graust´s vor allem Schweinernen, aber ich mach nicht so ein Theater, wenn einmal was auf meinem Teller landet. Ich lasse es halt über oder bitte um was anderes, falls der Rest auf dem Teller „kontaminiert“ wurde (da bei mir der Verzicht auf Schweinereien ja auch Glaubensgründe hat).
Naja, ein wichtiger Wiener Baze halt.
Nach dem Abendessen ging ich wieder Blutdruck messen, zum fünften Mal an diesem Tag (Und alle fünf Werte waren top!), und wieder fühlte sich la Plaudertasche bemüßigt ihren auch zu messen. Die hört einfach nicht auf zu reden, das ist unglaublich! Ich weiß inzwischen so viel über sie und ihre Familie, dass ich die alle erpressen könnte!
Nun bin ich wieder auf dem Zimmer und relativ munter. Außer Haus gehen mag ich nicht mehr, vielleicht  fange ich an zu sticken, ich habe ja noch Weihnachtsgeschenke vorzubereiten. Zwei Lätzchen für meinen relativ neuen Neffen und je ein Handtuch für Schwiegermama und Schwiegerpapa, alles selbst bestickt.  Ich habe beschlossen, heuer gibt es zu Weihnachten nur Selbstgemachtes, und basta!
Na, dann weiß ich ja, was ich für den Rest des Abends noch zu tun habe.
Gute Nacht!

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Tag 04

Aflenz, 11.11.2007

Tag 4 – verregnete Schweinsmedaillons zu Faschingsbeginn

Letzte Nacht habe ich zum ersten Mal so halbwegs gut geschlafen. Geträumt habe ich irres Zeug, aber ich kann mich an keine Details erinnern. Um viertel sieben ging der Wecker ab, irgendwann knapp vor sieben schälte ich mich aus dem Bett.
Zum Frühstück, bei dem die Plaudertasche schon saß (und das auf leeren Magen, wurks), bekam ich heute zwei hauchdünne Scheiben Vollkornbrot (ich musste sie in der Mitte durchbrechen, weil man sie sonst nicht halten konnte, so dünn waren die) mit einem Hauch Butter und Erdbeermarmelade! Wow, das war ja direkt ein Fest, es fehlte nur noch der Orangensaft!
Naja, okay, eigentlich bin ich mit dem Essen hier zufrieden, aber ich bekomme spätestens um zehn totales Magenknurren. Tausend Kilokalorien pro Tag scheinen also doch ein bisschen wenig zu sein.
Nach dem Frühstück ließ ich ein bisschen die Seele baumeln und ging um etwa neun schwimmen. Und wassertreten. Und dehnen. Nun , ich machte halt eine Stunde lang Bewegung im Wasser. Da traf ich Judith wieder, mit der ich schon vor der Erstuntersuchung ein bisschen geplaudert habe. Die ist eher nach meiner Kragenweite als meine Tischnachbarn, eine eher ruhige, bedachte Frau, die ihre Gefühle und ihr Leben lieber für vorerst sich behält als alles beim ersten Treffen auszuplaudern. Mir nicht unähnlich.
Nach dieser Stunde war ich fertig, aber totalmente!
Ich gönnte mir als Vormittagsjause einen Apfel und verbrachte die restliche Zeit bis zum Mittagessen mit nassen Haaren beim Lesen.
Als Mittagessen standen Schweinsmedaillons mit Kräuterreis und Mischgemüse auf dem Plan. Ich bekam Kräuterreis mit einer Art Letscho. Ich war sehr froh, dass man mir extra Letscho gab und nicht das gleiche Gemüse wie die anderen bekamen, denn der Reis war extratrocken und deren Gemüse hat auch nicht gerade saftig ausgesehen. Die Serviererin bat mir noch Fleischsaft über den Reis an, aber allein bei dem Gedanken irgendwas vom Schwein am Teller zu haben hob sich bei mir der Magen. Ich lehnte dankend ab. Zum Dessert bekam ich eine Schokoladen-Joghurtcreme, die war sehr gut. Schmeckte ähnlich wie mein Naturjoghurt mit Kakao, das ich zuhause so gerne löffle.
Unsere Depressive war wieder mit am Tisch und wirkte richtiggehend lebendig. Sie erzählte von sich zu Hause am Bergbauernhof und brachte sich auch sonst ins Gespräch ein. Nur immer irgendwie unzusammenhängend. Sie schnappte ein Wort aus dem Gespräch heraus auf und erzählte dazu was. Die Plaudertasche machte sich nicht einmal die Mühe, darauf einzugehen, die erzählte mir nebenbei einfach was von sich. Manchmal ärgere ich mich sehr darüber, dass ich zu feig bin, einfach mal die Klappe aufzumachen, wenn mir etwas nicht passt.
Kurz nach dem Mittagessen hörte es endlich auf zu schneien.
So stöberte ich ein wenig in einer Zeitung und ging dann in den Ort, ein wenig frische Luft schnappen. Ich sah mir die Kirche an und einige Schaufenster und ärgerte mich darüber, dass es zu regnen begann. Der Schnee war kniehoch und es begann zu regnen!
Als ich im Kurpark war, rief mich mein Schatz an, wir quatschten recht lange, bei uns zuhause strahlte die Sonne vom Himmel. Und ich stand im Regen.
Als ich zurück in mein Zimmer kam, war ich zwar eine Stunde an der frischen Luft, aber dafür auch klatschnass. So gönnte ich mir gleich einmal eine heiße Dusche mit anschließender ausgiebiger Körperverwöhnung – eincremen und solchen Kram.
Ganz entspannt machte ich es mir dann im Lehnstuhl bequem und wartete mit einem Buch in der Hand die Zeit zum Abendessen ab.
Zum Abendessen stand Räucherforelle mit Brot am Programm. Ich bekam einen sehr guten Kräutergervais, wobei die Kräuter und fein geriebenen Karotten frisch waren, garniert mit Schinken. Ich konnte nur den Kopf schütteln, denn da richtete man für mich extra was anderes her statt dem Fisch und tat mir erst wieder Fleisch auf den Teller...Als ich aber einer Servierein Bescheid gab, brachte sie mir sofort statt dem Schinken Käse. So war das ein echt vorzügliches Abendbrot!
Für die Depressive war auch angerichtet worden, aber sie war am Nachmittag nachhause gefahren (Was niemanden von uns am Tisch wunderte, sie war doch komplett verloren, verirrte sich ohne Führung ständig im Haus, war trotz keinerlei körperlicher Einschränkungen nicht fähig irgendetwas selbst zu tun, wir mussten ihr sogar Wasser ins Glas einschenken, weil sie sonst nichts trank. Arme Frau.). So teilten wir ihre Ration unter uns auf, ich bekam die Tomatenstücke, die anderen teilten sich den Fisch. Auch recht, so hatte ich keine zusätzlichen Kalorien. Bloß das als Spätmahlzeit gedachte Joghurt habe auch ich bekommen, nun habe ich heute ca 1100 Kilokalorien gegessen. Ich hoffe, das wird mir nicht zum Fallstrick! ;-)
Heute werde ich versuchen etwas früher einzuschlafen, denn gestern war es bereits nach elf, als ich das Licht ausmachte. Morgen habe ich ein ziemliches Programm vor mir. Und ich überlege, ob ich nicht meinen Kurarzt (oder Kurpfuscher?) fragen sollte, ob ich nicht doch Massagen haben kann, denn Nacken und Schultern tun mir wahnsinnig weh. Ein bisschen Fango wäre sicherlich auch nicht schlecht...
Na, mal sehen.
Ich gehe jetzt noch einmal eine Runde durch´s Haus, werde unterwegs meinen keineswegs zu hohen Blutdruck messen, und mich dann mit einem Buch ins Bett vertschüssen. Auch wenn es jetzt gerade mal sieben ist...
Morgen gibt es dank der vielen Termine sicherlich wieder mehr zu berichten.

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Tag 05

Aflenz, 12.11.2007

Tag 5 - Therapiestreß

Ich bin saudmüde, musste mich direkt überwinden, den Laptop zu starten um den heutigen Tagebucheintrag zu tippen. Aber ich dachte mir, wenn ich es heute nicht mehr tue, hole ich es nie wieder nach.
Also, ich beginne am besten morgens. Aufgestanden bin ich heute relativ leicht, was eventuell daran liegt, dass ich zum ersten Mal seit ich hier bin so richtig gut geschlafen habe. Ich habe zwar jede Menge Mist geträumt, aber dafür tief und fest geschlafen. Ich hoffe, ich habe nicht geschnarcht, denn die Wände sind hier recht dünn...
Also, ich bin um viertel sieben aufgestanden, habe mich kurfein gemacht und habe gleich mal ins Töpfchen gepinkelt, weil ich Stuhl- und Harnproben zur Untersuchung abgeben musste.
Danach ging es zum Blutdruckmessen und dann gemütlich ins Labor, wo ich um sieben sein sollte. Als ich um zehn vor sieben hinkam, waren schon etwa 6 Leute dort. Na bravo. Ich kam dann aber relativ schnell an die Reihe, und wahrscheinlich habe ich am längsten gebraucht, weil die Ärztin einfach keine Vene zum Hineinstechen finden wollte. Das kenne ich ja schon...
Endlich hat sie dann eine gefunden.
Danach durfte ich zwar in den Speisesaal, wo alle brav beim Frühstück saßen, bekam aber bloß Zuckerwasser mit Zitronengeschmack zu trinken – ein Glukosetoleranztest wurde durchgeführt. Nachdem ich das Zeug ausgetrunken hatte, durfte ich genau zwei Stunden lang kaum Bewegung machen, auch nicht liegen. Das traf sich ganz gut, denn um dreiviertel acht hatte ich einen Vortrag über Blutdruckselbstkontrolle. Neues gehört habe ich nicht, aber die Vortragende, eine DGKS, hat die Thematik so spannend gebracht, dass ich wie gebannt zuhörte. Zum Glück hat die Plaudertasche, die sich natürlich neben mich gesetzt hat, wenigstens da so halbwegs die Klappe gehalten!
Bis die zwei Stunden um waren, bin ich nur in der Gegend herumgesessen, habe mich unterhalten und Zeitschriften gelesen. Darunter auch ein wenig ermunternden Artikel über Adipositas. Das brauchte ich gerade noch. Und nebenbei, unbemerkt, habe ich ein wenig meine Beckenbodenmuskulatur trainiert, das geht ja ganz fein im Sitzen, indem man die Pobacken ein paar Sekunden anspannt und wieder loslässt. Ich bin dabei gesessen, man kann mir also keinen Vorwurf machen!
Na gut, dann wieder ins Labor, und dann durfte ich endlich frühstücken, ein Kornstangerl mit veganem Aufstrich und – leider – Kaffee. Aber wenigstens stand ein ganzes Kännchen Milch für mich allein am Tisch (und eine ganze Kanne Kaffee!), so trank ich ein paar Tassen Milchkaffee (Was ich später bereuen sollte!)
Da ich ein neugieriger Mensch bin, schaute ich noch einmal im Labor vorbei, ob man schon ein Ergebnis von meinem Toleranztest hatte. Man hatte, Diabetes habe ich keinen. Na so was!
Bis zum Mittagessen hatte ich noch etwa eine Stunde Zeit. Es hatte zu schneien (ja, schon wieder....) aufgehört, ich zog mich also um und ging etwas spazieren, eine kleine Runde durch den Ort mit Einkehr in der Drogerie und in einem Büchergeschäft, wo ich Ansichtskarten kaufte.
Es herrschte strahlender Sonnenschein und Tauwetter, das Tauwasser rann in Bächen die Straße entlang. Es war dennoch herrlich! Ich brauchte sogar eine Sonnenbrille!
Zum Mittagessen gab es heute faschierten Braten, Kartoffelpüree und Rahmfisolen. Püree und Strankalan – damit könnte ich  mich deppert fressen! Auf dem Püree waren sogar geröstete Zwiebelringe, wirklich lecker! Und als Dessert gab es Schokobanane, eine halbe (naja, eher ein Viertel) aufgeschnittene Banane mit Schokoladesauce darüber und einem Klecks Preiselbeermarmelade. Komischerweise fand ich es gar nicht so toll, man kann es sich anscheinend wirklich abgewöhnen, verrückt nach Schokolade zu sein.
Die Plaudertasche hat mich wieder einmal zugequasselt. Ich mag ihr nicht sagen, dass sie die Klappe halten soll, immerhin sitze ich noch über zwei Wochen mit ihr an einem Tisch! Manchmal redet sie einfach nur um zu reden. Es interessiert mich einen Dreck, ich höre gar nicht mehr zu, aber das scheint sie entweder nicht zu merken oder nicht zu stören. Als ich zum Essen kam, war sie mit ihrer Portion beinahe fertig, trotzdem wollte sie wieder auf mich warten. Aber ich aß so betont langsam, dass sie es irgendwann aufgab und ging. Puh!
Ich würde mich hin und wieder so gerne mit dem wirklich netten, wenn auch im Denken etwas langsamen Herrn am Tisch, der einen n Schlaganfall hatte, unterhalten, aber die Madame lässt ja niemanden zu Wort kommen. Manchmal fängt sie an zu reden, obwohl gerade jemand anders am Tisch etwas erzählt. Ich weiß wirklich nicht, wie ich ihr Einhalt gebieten soll. Ich seufze eh schon sichtbar, wenn sie wieder nervig wird, aber das bemerkt sie nicht einmal, weil sie so auf sich selbst konzentriert ist.
Na gut, nach dem Essen hatte ich gleich um eins ein Entspannungstraining, das dauerte etwa eine Stunde. Es hat mir ganz gut gefallen, ich konnte zwar nicht ganz abschalten (heute war ich sowieso irgendwie zu aufgedreht), aber zumindest ansatzweise. Und die Übungen kann ich mir ja merken und für mich allein auch anwenden.
Um halb drei hatte ich Unterwassergymnastik, das war toll. Heute waren wir quasi ein Unterwasserballett! Ich merkte, dass ich zumindest im Wasser teilweise noch ganz schön beweglich bin! So lächerlich das ist, ein klein wenig bin ich mir tatsächlich wie eine Ballerina vorgekommen.
Beim Warten auf den Einlass ins Schwimmbecken habe ich eine andere junge Frau näher kennen gelernt, Karolina, die mir auch sofort ihre ganzen Probleme erzählt hat. Sie war auch sehr neugierig, hat mich gleich über alles Mögliche auszufragen probiert. Ich habe ihr nicht viel von mir erzählt, aber das wenige war anscheinend schon zuviel, denn wie ich abends beim Modellieren (dazu später mehr) mitbekommen habe, hat sie gleich alles anderen Leuten weitererzählt. Sie ging mir auch schon im Schwimmbecken ein wenig auf die Nerven, denn ich blieb nach der Gymnastik noch eine halbe Stunde und machte meine Bewegungen, aber die wich mir nicht von der Seite, hat nicht kapiert, dass ich meine Ruhe haben will. Also, entweder entwickle ich mich schön langsam zu einem Misanthropen oder ich komme nur an die nervigen Leute. Judith habe ich wiedergetroffen, die mag ich gern, die redet nicht viel und wir verstehen uns trotzdem. Ich meine, ich rede hin und wieder auch viel, aber nur bei Leuten, die ich gut kenne, denen ich vertraue, ich erzähle nicht quasi Wildfremden meine Lebensgeschichte.
Na gut, ich wartete, bis Karolina endlich aus dem Becken verschwand, schwamm dann noch ein paar Runden, damit ich sie auch in der Garderobe nicht mehr sehe, und ging dann auch.
Ich hatte nur kurz Zeit, um meine nassen Sachen im Zimmer aufzuhängen und mich umzuziehen, denn um vier hatte ich „Körperübungen“. Das waren im Prinzip auch Entspannungsübungen, aber mit ein paar Elementen aus dem Yoga. So machten wir den „Schmetterling“, den „Stern“, die „Zange“, Die „Brücke“ und noch ein paar Figuren. War ganz interessant, aber alle Verrenkungen bekam ich nicht hin.  Und aus irgendeinem Grund putschte mich das auf, mein Blutdruck und Puls waren danach hoch und ich fühlte mich unruhig. Ich hatte sowieso den ganzen Tag über immer wieder Kreislaufprobleme. Zu Mittag hatte ich Durchfall bekommen (entweder war die Glukoselösung schuld oder der ungewohnte Milchkaffee), nun wanderte ich wieder auf den Lokus.
Vielleicht war  das alles auch ein bisschen viel für einen Tag, eigentlich den ersten Therapietag. Zwischendrin fühlte ich mich ziemlich unter Druck, und das sollte ich hier ja eigentlich vermeiden.
Also beschloss ich, nicht noch einmal spazieren zu gehen, sondern die Zeit bis zum Abendessen mit etwas Ruhe zu genießen. Ich schnappte mir eine Zeitung und tat eine Stunde lang einmal fast gar nichts.
Mein Kreislauf beruhigte sich aber nicht so richtig, während des Abendessens wurde mir kurz richtig schummrig. Das beruhigte sich zum Glück aber dann doch wieder.
Es gab übrigens Reisauflauf. Und einen Aufstand des Wieners, weil er eine Süßspeisen zu den Mahlzeiten mag. Meine Güte, das hätte er doch nur sagen müssen! Und wie er sich aufgeregt hat! Auch das angebotene Alternativmenü sagte ihm nicht zu, so bekam er im Endeffekt Brote mit Aufstrich.
Diese Wiener!
Heute wäre eigentlich um acht eine Filmvorführung gewesen („Der Tod steht ihr gut“), aber ich machte lieber die Kreativtherapie. Es standen zur Auswahl malen bzw zeichnen oder modellieren. Ich wählte das Modellieren und zog so quasi ein paar Unschlüssige mit hinein. Wir hatten einen Riesenspaß, so viel gelacht wie heute abend habe ich schon lange nicht mehr. Ich habe aus Ton eine kleine Schafherde mit Schäfer gemacht. Ursprünglich sollte es ein Mobile für meinen Neffen werden, aber die Figürchen gefallen mir so gut, ich werde sie mir behalten.
So, und morgen werde ich den Doktor fragen, ob ich Massagen haben kann, ich habe solche  Nackenschmerzen und Verspannungen, dass ich davon Kopfschmerzen bekomme.
Und nachdem es bereits halb zehn ist und mein Tag morgen wieder früh beginnt, gehe ich ins Bett, gute Nacht!

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